Wie war Ihr letztes Jahr? Haben Sie bedeutende Dinge erlebt? Haben Sie endlich Ihr Herz verschenkt oder diese Reise gemacht, die Sie schon lange machen wollten? Haben Sie Ihrem Teamkollegen mutig gesagt, dass es nervt, wenn er ohne Kopfhörer Musik hört? Und die Vorsätze, was ist mit Ihren Vorsätzen vom letzten Silvester? Nichtraucher, Marathonläufer und Rechnungen-immer-pünktlich-Bezahler – sagt man diese Dinge jetzt über Sie? Gut, wenn es so ist. Egal, wenn nicht.

Es ist wirklich egal, alles ist egal und belanglos. Die Sonne wird sowieso irgendwann verglühen, dann sind alle Marathonstarttafeln verbrannt, alle Menschen tot und somit niemand mehr da, der sich daran erinnern könnte, dass Sie den Tangokurs nie bezahlt haben.

Wieso machen wir uns trotzdem verrückt mit irgendwelchen Dingen, die uns ein schlechtes Gewissen in den Frontallappen pflanzen? Dass man seine Rechnungen bezahlen muss, möchte niemand infrage stellen, aber irgendwie scheint alles, was wir machen oder nicht machen, mit einem Rucksack voller Schuldgefühle um die Ecke zu kommen.

Warum freuen wir uns nicht einfach, wenn wir verschlafen?

Hat man verschlafen, sollte man nicht panisch in seine Kleider springen, «nei, nei, neiiiiii» murmeln und sich von der inneren Stimme zum schlechtesten Mitarbeiter der Welt runterputzen lassen. Man könnte sich doch auch einfach freuen, dass man ausgeschlafen an die Arbeit kann. Aber nein, man hat dieses klebrige Gefühl im Hals stecken, was einen zwingt, alle drei Sekunden auf die Uhr zu schauen, damit man genau weiss, wie spät man im Büro ankommen wird.

Dass es uns in solchen Situationen schlecht gehen muss, macht aber überhaupt keinen Sinn. Wir können das Erfolgte nicht ändern, die Mahnung nicht ungeschehen machen und die Teamkollegen werden uns wohl kaum mit einer Handvoll Asche erwarten, um es über unsere Häupter rieseln zu lassen. Wieso also dieser verdammte Stress die ganze Zeit?

Es gibt neurobiologische Erklärungen für Schuldgefühle, ich habe kurz gegoogelt und Folgendes herausbekommen (es folgt die Rubrik «Gülshas Halbwissen»): Gewissensbisse seien kleine Soldaten, die unser Hirn losschickt, damit wir uns vor uns selbst besser und menschlicher fühlen. Die plagenden Gefühle seien evolutionsbedingt wichtig, um sich in einer Gesellschaft eingliedern und orientieren zu können – naturgegebene Moralapostel sozusagen, welche ein friedliches Zusammenleben erst möglich machen. Allerdings macht es keinen Spass, wenn sie ausrücken, die Sondereinheiten der Moralpolizei. Niemand mag Spielverderber, ich am allerwenigsten, und deshalb sage ich: «Nieder mit dieser Sondereinheit!»

Ignorieren wir die Stimme der vermeintlichen Vernunft!

Wie man auf die Umwelt menschlich und moralisch korrekt und angemessen reagieren soll, wissen wir ja im Grunde. Und falls es jemand nicht wissen sollte, kann er es im Internet nachlesen. Das Internet ist ein schöner Ort, Sie würden es mögen und eben auch Hilfe bekommen, wenn Sie nicht wissen, wie man Mensch ist. Deshalb sollte man diese Stimme der vermeintlichen Vernunft viel häufiger ignorieren und sich nicht selbst niedermachen, um vor sich selbst besser dastehen zu können. Das ist so kolossal absurd, als würde man versuchen, sich zu überraschen mit einem Geschenk, das man selbst gekauft hat.

Ich rufe daher laut: «Nieder mit der Sondereinheit und nieder mit den Vorsätzen, die niemand einhalten kann und manchmal auch nicht sollte.» Man bedenke: Joggen ist nicht für alle Gelenktypen geeignet. Bis auf einen Vorsatz, den könnten wir uns alle auf die Neues-Jahr-Neues-Glück-Fahne schreiben oder uns übers Herz tätowieren: Nichts ist sehr von Belang und das meiste ist völlig belanglos. Vor allem das schlechte Gewissen. Ignorieren wir es im 2016 mit einem vornehmen Abwinken.