Am Morgen müssen sie früh weg, am Abend kommen sie spät nach Hause. Sind sie endlich da, wechseln sie Windeln, erzählen eine Gutenachtgeschichte oder helfen bei den Hausaufgaben im Dreisatzrechnen. Tatsächlich hat sich bei den Vätern in den letzten Jahren vieles geändert. Sie investieren deutlich mehr Zeit in ihre Kinder und mit überwiegend hohem Engagement.

Trotzdem ist der Standardvorwurf aus weiblichem Munde immer noch weitgehend derselbe: Männer sind das faule Geschlecht. Sie tun zu wenig im Haushalt, und wenn das Kind einmal krank ist, sind es die berufstätigen Mütter, welche zu Hause bleiben müssen. Auch im Privaten seien Männer immer noch die ewigen Praktikanten und die Juniorpartner der Mütter.

Es kommt weniger auf die Anzahl Stunden als auf das Herzblut an

Obwohl die Statistik zeigt, dass ein Wandel stattgefunden hat, hapert es bei der praktischen Umsetzung. Zumindest sind nicht wenige davon überzeugt, dass vieles besser wäre, wenn die Väter zu Hause mehr Präsenz markieren würden.

Solche Vorstellungen sind jedoch trügerisch und insgesamt einseitig. Denn sie beruhen auf der Annahme, dass ein Mehr an zeitlicher Verfügbarkeit automatisch die Entwicklung der Kinder fördert und die Partnerschaft glücklicher macht.

Unsere neuesten Forschungsergebnisse der Väter-Studie «Tarzan», die Anfang 2016 veröffentlicht werden, zeigen jedoch anderes: Es kommt weniger auf die Anzahl Stunden an, sondern mehr, mit wie viel Herzblut der Vater in der Familie wirkt.

Auch Vollzeit arbeitende Männer können eine sehr engagierte Vaterschaft praktizieren und ihre Kinder positiv beeinflussen. Dass eine grössere väterliche Präsenz automatisch besser sei, ist somit radikal infrage zu stellen.

Weshalb nimmt man dies nicht verstärkt zur Kenntnis? Und warum setzt man so sehr auf das Stereotyp des präsenten Vaters als quasi einzigem Qualitätsmerkmal?

Mit Sicherheit auch deshalb, weil sich die Forschung jahrelang ausschliesslich darauf eingeschossen hat. So stellt eine Studie nach der anderen fast Identisches fest: dass Mütter nach wie vor in der Fürsorge für die Kinder und im Haushalt mehr leisten, weshalb es eine deutliche Asymmetrie zulasten der Frauen gibt.

Leider hat der enge Fokus dazu geführt, dass wichtige Aspekte von Vaterschaft in der Diskussion vollkommen ausgeblendet werden. Dazu gehören beispielsweise die vielen indirekten Beiträge von Vätern zum Wohl der Kinder und der Familie jenseits ihrer direkten Präsenz oder dem Engagement im Haushalt.

Beispielsweise, dass sich viele von ihnen neben den familiären Aufgaben als Haupternährer ums Geldverdienen kümmern. Väter erwirtschaften im Schnitt immer noch rund drei Viertel des Haushalteinkommens.

Ob wir dies gerne hören oder nicht: Auch Erwerbsarbeit ist eine männliche Form der Fürsorge. Zu den weiteren indirekten Leistungen zählt die Forschung auch Verantwortlichkeiten, welche viele Väter regelmässig übernehmen.

Dazu gehören Kontroll- und Unterstützungsleistungen (z. B. Hausaufgabenunterstützung, Überwachung des Medienkonsums); die Beschaffung von Gütern und Dienstleistungen zur materiellen Versorgung der Familie etwa in Form von Überstunden oder um eine Ausstattung oder eine Fördermassnahme des Kindes finanzieren zu können; die Unterstützung der sozialen Kontakte der Kinder, beispielsweise, wenn es um Freundschaften geht; das väterliche Engagement in der Schule oder in anderen Institutionen zugunsten der Kinder; der Besuch beim Kinderarzt oder auch der Einkauf neuer Kleider mit dem Nachwuchs.

Es gibt deutliche Mängel in der Wertschätzung von Vätern

Um nicht falsch verstanden zu werden: Selbstverständlich brauchen wir ein neues Emanzipationsbündnis zwischen Frauen und Männern, zwischen Müttern und Vätern, um die gleichberechtigte Teilhabe beider Geschlechter am Arbeits- und Familienleben verwirklichen zu können.

Aber dies können wir nur leisten, wenn wir unseren Blick auf die Aufgaben objektivieren, welche Väter in und neben der Familie für diese leisten. Väter sind nicht per se dann gute Väter, wenn sie dauerpräsent sind.

Es gibt deutliche Mängel in der Wertschätzung von Vätern. Viele von ihnen engagieren sich facettenreicher für Frau und Kind als wir dies in unseren Köpfen wahrhaben wollen. Deshalb verstärkt der simplizistische Vorwurf an die mangelnde Präsenz der Väter nur die aggressive Vorurteilsbildung.

*Autorin Margrit Stamm ist Professorin emerita für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg und Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education in Bern.