Dohner

Wie Konfetti auf einem Ozean

Wohin wollen sie denn gehen?

Wohin wollen sie denn gehen?

Eine Fahrt im Bus: Links und rechts dreht träge das Land. Auf einmal schnellt der Nebenmann hoch, als sei eine Stahlfeder in ihm aufgeklappt. Ein indischer Tourist.

Ans Auge reisst er die Kamera und schwenkt mit, im Tempo des vorbeifliegenden Motivs: Was für Berge, welch ein Licht! In der Schweiz ist man als Inder nicht hundert Mal im Leben unterwegs. Nur hier und jetzt. Drum gabs das nur einmal. Für immer dieses eine, alles umfassende Bild.

In der Kamera des Inders aber machte es nicht mal klack. Der Mann liess die Kamera sinken und verstaute sie im Gepäck. «Verpasst, ihr Hammerbild, was?», fragte ein Engländer hinter ihm: «Soll ich den Fahrer bitten, zurückzufahren?» Der Inder winkte ab: «Vielen Dank, aber solche Bilder habe ich im Leben tausendfach verpasst.»

Es ist wahr: Die meisten Bilder werden nie geknipst, Bilder unauslöschlichen Augenblicks. Digitaltechnik hat den Haufen grösser gemacht. Aber wie durch böse Zauberkraft tauchen immer weniger brauchbare Bilder darin auf. Flüchtiger stets wischt man sie am Display weg. Man reihe alle Fotos aneinander, die man gemacht hat – im Vergleich zu den versäumten, sind es wie Konfetti auf einem dunklen Ozean.

Das erinnert mich an eine Frau, die gesagt hat: «Komm, machen wir dies oder das! Wir leben nur einmal. Zu schnell haben wirs verpasst.» Sie liebte Tand als Schmuck, trug Stoffhalbschuhe und war, als sie das sagte, 22 Jahre alt. Neulich habe ich sie wiedergesehen. Mittlerweile bevorzugt sie echte Juwelen, trägt Lederschuhe aus Mailand und ist 52 Jahre alt. Aus einer nahen Kneipe drang Tanzmusik. «Komm, gehen wir hin», sagte sie, «wir leben nur einmal. Zu schnell haben wirs verpasst.» Seit dreissig Jahren also schnellt diese Gute auf und stürzt sich in alle Lustbarkeit. Und dann weichen die Dinge vor ihr zurück wie durch böse Zauberkraft. Meilenweit ist sie vom Inder im Bus entfernt, der trotz verlorenem Augenblick ruhig geblieben ist.

Manchmal tupft man vom Leben durchaus ein Konfetti auf. Darunter aber liegt, durch alle Jahre hindurch, dieser dunkle Ozean. Darin mag das meiste zwar untergehen. Wirklich verloren indes ist nichts.

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