Eine solche Vorstellung, einst triumphal, war «Die Kraft des positiven Denkens». Einer der glühendsten Propheten dieses «Denkens» war Joseph Murphy (1895–1981). Ein Amtsträger der «Church of Divine Science». Er lehrte Folgendes: Seine Kräfte durch Arbeit zu verschwenden, sei unnötig: «Wiederholen Sie vor dem Einschlafen das Wort ‹Reichtum› fünf Minuten lang ruhig und mit Gefühl. Und Ihr Unterbewusstsein wird Ihre Vorstellung alsbald verwirklichen.» Ich schwöre auf Murphys vergilbte Bibel: Ich habe versucht, über Nacht treuherzig reich zu werden. Den Erfolg sehen Sie hier: Ich schinde nach wie vor Zeilenhonorar.

Den Langzeit-Fehlversuch hätte ich immerhin der Wissenschaft verscherbeln können. An keiner anderen Laborratte hätte man leichter nachweisen können, dass das famose Prinzip von «mind over matter» (Geist vor Materie) nicht stimmt. Und niemand wagte das simpelste Experiment, um dieses Prinzip ad absurdum zu führen: nämlich mit dem Schädel gegen eine Wand zu rennen. Da erst brummt das «positive Denken».

Nun – auch der Kater darüber ist verflogen. Wir glaubten, wir würden endlich in Ruhe gelassen. Aber eben: Moden wechseln. Jetzt wird uns der positive Griesgram verschrieben (etwa vom deutschen Psychologen Arnold Retzer). Jetzt macht nichts so unglücklich wie positives Denken. Hoffnung hält Retzer nicht bloss für überschätzt, sondern für einen Auslöser tiefer Krisen. Er rühmt die Pessimisten, Skeptiker und Hoffnungsverweigerer: «Würdigt die Schlechtgelaunten!» Denn: «Ein gelungenes Leben verdankt sich der Fähigkeit, ohne Gewissheiten zu leben.»

Was bleibt da zu sagen? «Zur Sonne, Brüder»? An die Sonne nach Süden zu reisen, lasen wir gerade gestern, mache auch nicht glücklich. Es ist wirklich hoffnungslos – wunderbar!