Selten wächst sich dieser Umschwung dramatisch aus, bis zur Entbehrung. Es bleibt bei ephemeren, lange noch süssen Mangelerscheinungen, indem man dies und das zu vermissen beginnt, was einem vorher, noch in der Heimat, nie vermissenswürdig erschien.

Wirkliches Heimweh ist es selten. Dazu ist das Leben einfach überall zu stark, also faszinierend genug, als dass man das Ungewohnte um jeden Preis durch das Gewohnte ersetzen müsste. Die Erinnerung aber weckt Bilder und wird überall zum Spiegel von Abwesendem. Das ist weiter nicht bemerkenswert. Hingegen ist mir jetzt, da ich wieder länger weg gewesen bin von der Schweiz, mit einem Mal etwas Kurioses aufgefallen: Anders, als man vielleicht denkt, sind es nicht heimatliche Landschaften, die man vermisst. Nicht Seen, Wälder oder Schnee. Nicht die Jahreszeiten, von denen oft die Rede ist. Das Visuelle hat überhaupt nicht Vorrang bei jenem Vorgang, der Heimat stetig wachsen lässt als zunächst milden, dann immer stärker spürbaren Mangel. Gerüche sind es schon eher. Am heftigsten aber – und darüber staunte ich jetzt – sind es die Geschmacksnerven, die Heimat enthalten, ihren Gout, ihr Aroma behalten und Grad um Grad erweitern.

Um es spitz zu sagen: Heimweh liegt auf der Zunge. Auf den Geschmackspapillen. Das mag etwas profan klingen. Aber wer beschrieb nach längerer Landesabwesenheit nicht schon Eindrücke, die entgegen der Versonnenheit oder gar Verzückung, die sie hervorrufen, eher prosaische Dinge zum Gegenstand hatten? Kein Alpenglühen, kein Kuhglocken-Gebimmel, keine Pferde in lockeren Jura-Wäldern bewirken so viel Heimathunger, den man unbedingt sättigen müsste, wie der Cervelat zum Beispiel oder das Weggli. Der erste Besuch nach einer Rückkehr führt mich drum immer in einen Volg-Laden oder in die Migros. Die Zunge sagt: angekommen!