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Der Schmutzbengel klingelt an der Villentür bei Madame

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Wie lange dauert es, bis eine Epoche vergangen ist? Wir sagen: fünfzig Jahre. Wie lange dauert es, bis eine vergessene Epoche wieder ins Bewusstsein rückt? Das Schweizer Fernsehen sagt: hundert Jahre. Es ist freilich einerlei, wie wir rechnen.

Die Erinnerung hat ihre eigenen Zeitintervalle, das private Gedächtnis genauso wie das kollektive. Nach Zahlen kann man sich immerhin richten. Vor hundert Jahren brach der Erste Weltkrieg aus. Nicht nur beim Fernsehen bot es sich an, den Blick darauf zu richten, was das für eine Welt hierzulande gewesen war: «Anno 1914», wie die tägliche Doku-Repo-Soap nun heisst. Sie läuft seit Anfang dieser Woche.

Jene Welt war mit einem einzigen Blick zu umfassen: Fabrik, Kosthaus, Villa. Diese Eckpfeiler lagen nur wenige Schritte auseinander. Der Fabrikant sah vom Fenster seiner Villa aus auf die Schlote seiner Fabrik und auf die Häuser der Fabrikler, sogenannte Kosthäuser mit Dutzenden enger Wohnungen, die ebenfalls ihm gehörten. Wenn die Sirene seine Büezer zur Schicht pfiff, beobachtete der Fabrikant beim Morgekäfeli, die «NZZ» unterm Arm, wer draussen säumte. Ruhten die Büezer dann endlich aus nach einem «gschaffigen Leben», konnten sie vom Friedhof aus noch einmal mit einem Blick die ganze Welt umfassen, darin ihr ganzes Leben sich erschöpft hatte: Fabrik, Kosthaus, Villa. Dafür hatten sie tausend, siebentausend, zehntausend Tage unter die Stechuhr geschoben und sich jeden Schichtantritt eisern stechen lassen. Das waren die Schattenheere der Industriegeschichte. Schatten, die nur als Menge in Erinnerung blieben, nicht als einzelne Gestalten.

Der hier angeschlagene bittere Ton mag den aktuellen Bildern des Schweizer Fernsehens widersprechen. Fernsehen hat gegenüber der Realität den Vor- und Nachteil, glamourös zu wirken. Faszinierend, aber falsch. Das macht das Medium so triumphal und ist gleichzeitig sein unablösbarer Fluch. Welch dokumentalistischer Aufwand wurde vom Schweizer Fernsehen dieses Jahr nicht betrieben! Ein riesiger Aufwand mit viel Sachverstand, eindrücklich, staunenswert. Es war diese Woche darum ein unfairer Sport, als Zuschauer Details aufzuspiessen, welche den Spezialisten vom TV-Setting entgangen sind: Die Büezertochter hat auf Neu-Denglisch «Money» gesagt! Der Fabrikantensohn wollte – genderkonform wie 2014 – kurz aufstehen, als die Hausmamsell eintrat! Im Treppenhaus der Villa hing Karl Marx! Zwar wird auf die Härten des Alltags vor hundert Jahren fast bis zum Überdruss hingewiesen. Trotzdem – es bleibt auch hier beim Fluch: Sepiabrauner Glamour umflort die Szenenfolgen, alles wird umschmeichelt von Nostalgie. Begünstigt sicher auch durch biedere oder hölzerne Schauspieler-Dialoge. Die Fernsehleute können dagegenhalten, was sie wollen: Es bleiben Webstuhl-Kamellen mit Onkel Fabrikant und Kumpel Büezer.

Deshalb halten wir Bitternis für absolut gerechtfertigt beim Blick zurück. Umso mehr, wenn man sich vor Augen hält, was wir eingangs angetönt haben: Das alles ist gar nicht hundert Jahre her. Sondern sozusagen erst seit gestern vorbei (im Vergleich zum Atem der Geschichte). Vor fünfzig Jahren war all das – Fabrik, Kosthaus, Villa – noch genauso mit nur einem Blick zu umfassen. War kein telegen aufgepepptes Museum, sondern nach wie vor bittere Realität. Selbst in Gegenden, wo man es heute nicht im Traum vermuten würde. Etwa an der Zürcher Goldküste, diesem Glitzerband beispielloser Protzsucht von Parvenüs, Steuergünstlingen und Bonzen.

Vor 50 Jahren war das noch anders. Da faulenzte der Büezerbub in der Astgabel einer Blutbuche im Villenpark. Derselbe, der heute darüber schreibt: als «Löli-Akademiker» und «Bürofurzer», wie Fabrikler solche Leute zu nennen pflegten. Ich hatte «nichts Gescheiteres» zu tun: Alle meine Schulkameraden verkauften 1.-August-Abzeichen, bettelten noch immer von Tür zu Tür bis in die Nacht, um das Blech loszuwerden. Nur der Sohn des Schichtheizers hatte in einem Gang seinen ganzen Karton verhökert. Er klingelte bei der Fabrikantenvilla, gleich neben der Buche: barfuss, Flicken an der Hose. Wie beabsichtigt zeigte Madame sofort Erbarmen oder Scham wegen ihres Gatten, seiner Ausbeutung und den Folgen: schmutzige Kinder! Es war jener Vorteil, den nur das Kosthaus lieferte. Alle anderen Häuser hatten Fernsehen.

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