Manchmal wirken diese Dramen so, als hätte ein Drehbuch-Schreiber solche Dramen für einen Film erfunden, der ans Herz gehen soll. So wie gewisse Geschichten heute jedenfalls verlaufen, neigt man zunächst zur Annahme, dass sie «bildlich gemeint» sind, also erfunden wären. Aber es handelt sich um ganz konkrete, durch und durch wahre Geschichten. Auch die von Alicia und ihrem Zwillingsbruder. Die gestrige Debatte im Ständerat über die Organspende hat mich daran erinnert.

Der Ständerat will es bei der geltenden Regelung belassen: Organe dürfen nur entnommen werden, wenn eine Person vor dem Tod (oder allenfalls die Angehörigen) einer Organspende nach dem Hinschied zugestimmt haben. Das war bei Xaver der Fall, dem Zwillingsbruder von Alicia. Xaver war erst fünfzig und kerngesund. Aber er hatte das so geregelt, als er eines Morgens, leicht verspätet, auf den Bahnhof und zur Arbeit hetzte. Auf der Betontreppe rutschte er mit einer Schuhsohle über die Kante, verlor das Gleichgewicht, dann das Bewusstsein – und wachte nie mehr auf: Schädelbasisbruch.

Wie viele Menschen weiterleben, dank Xavers gespendeten Organen, weiss Alicia nicht. Hingegen weiss sie, welche Organe Xaver entnommen worden waren. Unter anderem seine Augen. Ein ihr unbekannter Mensch sieht dadurch wieder die Welt und die vielen kleinen und grossen Wunder des Lebens. Alicia jedoch kann nachts kaum mehr schlafen, weil sie sich vorstellt, eines Tages genau diesen Augen zu begegnen. Es seien bis zu einem hohen Grad, viel stärker als man glaube, auch «ihre» Augen, sagt sie. Immer schon habe sie den Zwillingsbruder als Hälfte von sich selbst erlebt und letztlich ihre Seele mit ihm geteilt.

Die Aussicht, je wieder in «ihre» Augen zu blicken, ist minim. Aber niemand kann Alicia die Unruhe nehmen; sie bleibt untröstlich. Und schreibt weiter lange Briefe an Organ-Agenturen und Spitäler. Voller Hoffnung ... und voller Furcht.