Gesellschaft

Dieses Familienbild ist von gestern

Traditionelles Familienbild: Mann, Frau, Kind.

Traditionelles Familienbild: Mann, Frau, Kind.

Ein Kind darf in der Schweiz nicht zwei Väter haben. Das Urteil des Bundesgerichts ist Sinnbild für das vorherrschende konservative Familienbild. Ein Kommentar.

Der Bundesrat hat sich am Donnerstag auf die Schultern geklopft: In einem umfangreichen Bericht lobt er sein familienpolitisches Engagement über den grünen Klee. 

Natürlich darf es noch etwas mehr sein, und also will die Regierung 100 Millionen Franken für die Verbesserung der externen Kinderbetreuung springen lassen. Was der Bund genau tun will, blieb freilich auch nach der Medienkonferenz von Alain Berset und Eveline Widmer-Schlumpf schleierhaft.

Kaum hatten die Bundesräte ihre Ausführungen beendet, da ging ein Urteil des Bundesgerichts über den Nachrichtenticker. Lausanne hat entschieden: Ein Kind darf nur einen Vater haben. Zwei Männer, die in den USA ein Kind von einer Leihmutter hatten austragen lassen, wollten sich als Eltern ins Personenstandsregister eintragen – dies darf nun aber lediglich der leibliche Vater, nicht der Partner.

Selbstverständlich kann man auch mit einer liberalen Gesinnung ein dickes Fragezeichen hinter die Praxis der Leihmutterschaft setzen. Das zentrale Argument für ein Verbot der Leihmutterschaft ist immerhin die Würde der Frau. Mit dem Kindswohl dagegen hat das ganze nichts zu tun: Ein Kind braucht Liebe und Zuwendung. Dies können zwei Mütter oder zwei Väter so gut vermitteln wie ein heterosexuell orientiertes Elternpaar.

Am Ende des Tages ist das Urteil aus Lausanne eben doch ein Sinnbild für die Familienpolitik in der Schweiz: Wer hierzulande Kinder haben möchte und sich nicht dem Ideal vom väterlichen Ernährer und der Hausfrau verpflichtet fühlt – diese Familien haben mit Hürden aller Art zu kämpfen. Das fängt an bei den Kita-Kosten, die das Zweiteinkommen wegfressen, zugleich die Steuerlast erhöhen. Das geht weiter mit konfusen Stundenplänen für Schüler, die das Führen eines Mehrkinder-Haushalts zur logistischen Wahnsinnsübung machen – ausser eben, ein Elternteil bleibt ohnehin daheim. Und alles endet damit, dass die Geburtenrate auf dem aktuellen tiefen Niveau verharrt. Die 100 Millionen des Bundesrates werden daran nichts ändern.

gieri.cavelty@azmedien.ch

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