Als kürzlich meine Eltern aus Deutschland zu Besuch waren und wir uns in einem Café am Zürichsee zum Frühstück trafen, machte ich etwas, was ich in Deutschland nie tun würde: Zu Kaffee und Gipfeli bestellte ich eine Ananas. «Ernsthaft?», fragte meine Mutter und blickte besorgt zu mir rüber. «Du verträgst die Säure doch nicht!» Ich sagte: «Doch, klar, hier ist das kein Problem.» Darauf sie: «Du meinst, in diesem Lokal?» Ich antwortete: «Ich meine in der Schweiz.» 

Jetzt fragen Sie sich vielleicht, liebe Leserinnen und Leser, warum kommt ein Deutscher und erzählt uns was über Ananas?

Wenn ich auf Heimatbesuch in Deutschland bin, fragt niemand nach dem Essen. Die meisten fragen nach dem Geld. Verdienst, Kosten, das Bier für 6 Franken 50. Irre.

Dabei sollten sie nach dem Essen fragen. Das ist nämlich anders hier. Essbar, im Gegensatz zu vielem in meiner Heimat. Damit meine ich nicht die Vorteile der Älplermagronen gegenüber unseren Maultäschle. Ich spreche von Qualität. Davon, dass die Tomate nach Tomate schmeckt und die Ananas keine Säure hat. Die Formel, die meine ersten neun helvetischen Monate am stärksten prägte, geht so: Alles ist teurer, alle verdienen mehr – das Entscheidende aber ist: Die Qualität steigt mit.

Menschlich toll, doch der Eindruck der Plakate bleibt haften

Wer nicht direkt nach dem Geld fragt, sagt Sachen wie: «Und, wie kommst denn zurecht mit den Schweizern?» Im Zwischenmenschlichen kann ich dann nur Positives berichten.

Die Plakate lassen sich dennoch nicht wegdiskutieren. Die aus dem letzten Herbst, die die Strassenränder säumten, als ich hier ankam. Die mahnten und warnten vor zu vielen Ausländern. Bei aller menschlichen Wärme: Als Deutscher im Aargau, zwischen Masseneinwanderungs- und Ecopop-Initiative – ein mulmiges Gefühl bleibt da schon.

Tourist war ich schon öfter. Jetzt bin ich zum ersten Mal Ausländer. Und glaubt man den Plakaten, sind die in grossen Massen nicht mehr wirklich gern gesehen. Ich fragte mich damals zunächst noch, ob ich zu den guten ersten paar tausend gehöre, die nach wie vor willkommen sind, oder zu den Zuvielen. Aber sind wir ehrlich: Welchen Unterschied macht das?

Was ich verstanden habe in meinem ersten Dreivierteljahr: Die Schweiz tut alles, um Werte, Wohlstand und Charakter zu verteidigen. Auch politisch. Ich finde das verständlich. Und richtig. In Deutschland dagegen, so hat man das Gefühl, spielt Politik keine Rolle mehr. Unsere allseits beliebte Bundeskanzlerin hat dem Stimmvolk mit einer jahrelangen Einschläferungstaktik die letzten politischen Ambitionen ausgesaugt. Wir Deutschen haben die Politik ersetzt – durch Zeit.

Tritt ein Problem auf, warten wir ab, bis die Zeit uns alle Handlungsmöglichkeiten nimmt bis auf eine und erklären diese dann als alternativlos. Bloss nichts wagen. Es könnte ja schiefgehen.

Der politische Diskurs in der Schweiz ist einer, der diesen Namen verdient

In der Schweiz ist das anders. Allerdings ist die politische Willensbildung auch hier nicht frei von Problemen. Mein Eindruck ist, dass vieles in der Schweizer Politik von der Angst eines existenziellen Werte- und Wohlstandsverlusts getrieben wird. Ragt man so weit über die Nachbarn heraus, ist das auch kein Wunder. Und doch, so dünkt es mich, werden bisweilen falsche Schlüsse gezogen. Zum Beispiel der, dass Unabhängigkeit heute noch etwas Gutes sei.

Richtig war das in einer Zeit, in der sich alle rundherum die Köpfe einschlugen und verzweifelt nach einem sicheren Ort für ihr Vermögen suchten. Heute verkauft die Schweiz Maschinen, Medizin und (legale) Finanzdienstleistungen ins Ausland. In einer vernetzten Welt mutet das Argument seltsam an, man profitiere von Abschottung.

Dennoch ist der politische Diskurs in der Schweiz ein Grund, warum es mir hier so gut gefällt. Ich mag die Schweiz. Das hat mit den Menschen zu tun, mit dem Essen und der Bahn. Auch damit, dass ich beim Coiffeur 40 Franken bezahle und nicht 7 Euro wie in Deutschland – es mir leisten kann und weiss, dass die Frau, die mir die Haare schneidet, mit ihrem Verdienst ihre Familie ernähren kann. Das gefällt mir. Bleiben die Plakate an den Strassenrändern. Ihnen würde manchmal ein wenig mehr Wärme durchaus gut zu Gesicht stehen.