Was bringt das WEF? Es ist die am häufigsten gestellte Frage über das World Economic Forum. Ich halte sie für irrelevant, denn ich finde: Erstens ist es für die Welt besser, wenn Entscheidungsträger miteinander reden. Zweitens ist es für die Schweiz besser, wenn ein hochkarätiges Treffen hier stattfindet. Drittens, und das ist der eigennützige Teil, ermöglicht es einem Schweizer Chefredaktor Treffen und Interviews mit Persönlichkeiten, zu denen er sonst niemals Zugang hätte. 

Deshalb reise ich seit 2002 Jahr für Jahr hierher. Das diesjährige WEF verspricht eines der ernsthaftesten zu werden. Wir leben in unsicheren Zeiten, die Welt steht vor immensen Herausforderungen, praktisch jede Branche wird von der digitalen Revolution durchgeschüttelt – und hier sind die besten Wissenschafter vereint, rund 40 Staatschefs, die einflussreichsten Wirtschaftsführer. Wer, wenn nicht sie, haben Antworten?

Etwas fällt sofort auf, wenn man in Davos ankommt: Es wird immer alles komplizierter. Noch mehr Sicherheitsvorkehrungen, noch mehr Einschränkungen, noch mehr Kontrollen.

Das ist lästig, aber wohl leider nötig. Denn Gefahr droht nicht mehr von Chaoten, die Schaufenster einschlagen. Sondern von Terroristen, die Menschen in die Luft jagen wollen.

Selbst US-Vizepräsident Joe Biden bekommt den Ausnahmezustand zu spüren: Er erscheint 45 Minuten zu spät zur Diskussionsrunde über Krebs, die besten Spezialisten der Welt warten geduldig auf ihn.

Biden ist es ausserordentlich peinlich, er entschuldigt sich mehrmals und sagt zu WEF-Gründer Klaus Schwab: «Ich bin im Verkehr stecken geblieben. Sie haben Davos zu einem derart wichtigen Ort gemacht, dass nicht mal mehr der Secret Service durchkommt.»

Dann aber wird das Thema ernst. Bidens Sohn ist im Mai 2015 an Krebs gestorben, der Vizepräsident sagt: «Ich bin nur noch ein Jahr im Amt. Danach werde ich den Rest meines Lebens dem Kampf gegen den Krebs widmen.»

Später wird zugeprostet. Hier sind WEF-Teilnehmer eingeladen, die seit mehr als zehn Jahren dabei sind. Die dürfen sich eine silbrige Nadel an den Anzug pinnen. Freudig begrüsst mich Rahul Bajaj, der grösste TukTukHersteller Indiens. Ihn habe ich vor ein paar Jahren interviewt. Jetzt staune ich über sein phänomenales Gedächtnis. Er ist seit 1979 in Davos dabei – so lange wie kein anderer Gast.

Im Plenarsaal erhält Hollywood-Star Leonardo DiCaprio einen Crystal-Award für sein Engagement gegen den Klimawandel. In einem dramatischen Appell rüttelt er die WEF-Teilnehmer auf: «Die Welt wird kollabieren, wenn wir nicht handeln!»

An der Klima-Konferenz von Paris sei ein historischer Entscheid gefällt worden, trotzdem sei es ein weiter Weg zur Rettung der Welt. Selbst der US-Vizepräsident in der ersten Reihe applaudiert begeistert.

Ich bin gespannt, welche Überraschungen das WEF mit sich bringt. Anekdoten von früher gibt es zuhauf: das Interview mit Saif Gaddafi, dem Sohn des früheren libyischen Machthabers, der einmal hier war (heute schmort er im Gefängnis).

Das Gespräch mit dem damaligen UBS-Chef Marcel Ospel, der verkündete, das Volk werde sich an Millionensaläre gewöhnen (heute weiss er, dass er sich geirrt hat).

Die Präsentation von US-Aussenminister Colin Powell, der angebliche Beweise für Massenvernichtungswaffen im Irak präsentierte (heute weiss die ganze Welt, dass er gelogen hat), den lustigen Abend in der Piano-Bar mit Youtube-Gründer Chad Hurley (heute geniesst er seine Milliarden, die er beim Verkauf an Google erhalten hat.)

Immer gleich verbringe ich den ersten Abend am WEF: beim Fondue-Essen mit meinem Team. Es ist die letzte richtige Mahlzeit in dieser Woche. Ab jetzt gibt es nur noch Apéro-Häppchen.