Gastkommentar

Der lautlose Wandel der Schule

«Lehrpersonen mutieren von WIssensvermittlern zu Sinnschaffenden»

«Lehrpersonen mutieren von WIssensvermittlern zu Sinnschaffenden»

Alt Nationalrat und Bildungspolitiker Hans Zbinden zeigt auf, wie in Kommunen lokale Bildungsprojekte aussehen könnten.

Bildung wird für alle Fortschrittsgläubigen bei uns immer mehr zum Allheilmittel. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendwo in der Schweiz über kommunale oder kantonale Bildungsreformen diskutiert und abgestimmt wird. Manche nachdenklichen Zeitgenossen stellen sich deshalb die Frage nach den eigentlichen Ursachen dieser hohen Reformwelle, die seit den Neunzigerjahren unser gesamtes Bildungswesen in ihrem Sog mitzieht.

Auf der Suche nach plausiblen Antworten darauf kommen wir allerdings zu überraschenden Einsichten: Nur selten sind nämlich neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Theorien Auslöser von Schulreformen. Und eher selten finden wir regulierungsfreudige Schulfunktionäre oder weitsichtige Politreformer als Urheber des permanenten Umbaus unserer Schulen. Die wahren Treiber des permanenten und sich ständig beschleunigenden Wandels im Schulwesen sind vorab die kaum mehr hinterfragten Ökonomisierungen und Technisierungen sämtlicher Bereiche unseres kulturellen und gesellschaftlichen Lebens. Mit ihrer Logik der Nützlichkeit, Verwertbarkeit und Käuflichkeit verwandeln diese unser ursprünglich allgemeinbildendes Volksschulwesen immer mehr in ein marktorientiertes Ausbildungssystem.

Die ursprünglich universelle Bildung wird schleichend auf eine beschäftigungs- und marktrelevante Ausbildung reduziert. Der breit gebildete und aufgeklärte Citoyen und Bürger im Dienste von Demokratie und Gemeinschaft verwandelt sich vor unseren Augen in eine vorwiegend spezialisierte berufs-und marktorientierte Fachkraft. Deren besondere Förderung ist mittlerweile Programmteil aller Parteien. Aber haben Sie schon einmal von einer nationalen Aktion zugunsten der Allgemeinbildung für Staatsbürger mit Gemeinsinn gehört?

Obschon sie selbst massgeblich dazu beigetragen haben, unser ganzes Bildungs- und Ausbildungswesen zunehmend zum reformbeschleunigten Seitenwagen der Wirtschaft zu machen, fordern rechtskonservative Kreise seit kurzem politisch einen Marschhalt bei den Schulreformen. Besonnene liberale und soziale Kräfte hingegen wünschen sich mehr Zusammenarbeit zwischen all den bestehenden Bildungsorganisationen vor Ort und in der Region. Aus diesem Bedürfnis heraus entstand das pädagogische Konzept von «lokalen Bildungslandschaften».

Grundlegend dafür ist der Umstand, dass heute Kinder und Jugendliche in ihrem unmittelbaren Erfahrungs- und Lebensfeld rund um Familie, Nachbarschaft, Gleichaltrige und Schule vielfältigste Lern-und Bildungsmöglichkeiten vorfinden. In verschiedensten öffentlichen und privaten Räumen, rund um die Uhr, real und medial sammeln sie Eindrücke, Erfahrungen und Erkenntnisse. Vorab und bis heute noch vor allem im regelmässigen formalen Schulunterricht. Aber zunehmend auch informell und oft medial vermittelt im freizeitlichen Umfeld der Schule. Vor allem aber beziehen sie in jüngster Zeit immer mehr Informationen von ihren mobilen Lern- und Kommunikationsgeräten: Smartphones, Tablets oder Notebooks.

Im Konzept der «lokalen Bildungslandschaften» bilden die örtlichen Schulen nur noch den wichtigsten Knoten in einem umfassenden kommunalen Bildungsnetzwerk. Dieses verbindet im ständigen Dialog die Schule mit ausserschulischen Jugend- und Freizeitorganisationen und informellen Bildungsanbietenden wie Medien, Vereine, Kulturorganisationen.

Durch diese neuen Entwicklungen werden Schulen und Lehrkräfte in ihren Selbstverständnissen und Funktionen allerdings stark herausgefordert. Lehrpersonen mutieren dabei von bisherigen zentralen Wissensvermittelnden zunehmend zu Sinnschaffenden. Indem sie den Schülern helfen, die ungeordneten und oft zusammenhangslosen Wissens- und Erfahrungsströme des Alltags zu ordnen, zu klären, zu werten und aus ihnen persönliche und gesellschaftliche Sinnzusammenhänge herzustellen.

Zurzeit laufen in mehreren Kantonen lokale Bildungslandschaftsprojekte, die von einer privaten Stiftung im Verbund mit Schulgemeinden finanziell getragen und wissenschaftlich begleitet werden. Seit kurzem hat sich die Stadt Aarau entschieden, als erste Aargauer Gemeinde an diesem schulübergreifenden Entwicklungsprojekt teilzunehmen.

Hingegen fehlen in der Frage einer pädagogisch sinnvollen schulischen Digitalisierung mit den mobilen Endgeräten und den Social-Media-Möglichkeiten zurzeit noch übergreifende pädagogische Konzepte. Je nach Lehrkraft, Stufe, Bereich, Schulhaus oder Gemeinde bestehen hier noch unterschiedlich Lösungen nebeneinander. Der schnelle Takt des wirtschaftlich-technischen Fortschritts hat hier die Schulen einmal mehr pädagogisch in Zugzwang versetzt!

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