«Die Tschinggen, die stinken», sagten wir damals. Die Saison begann am 1. März und ging bis Ende November. Sie durften während der Saison weder ihre Arbeitsstelle noch den Wohnort wechseln, noch ihre Familie in die Schweiz mitnehmen.

Früher, als alles besser war, lebten im Estrich des kleinen Häuschens des Restaurants «Flügelrad» am Bahnhof Olten Saisonniers aus Italien. Direkt unter dem Schrägdach hatte es vier unbeheizte, durch kartondünne Wände separierte «Schläge» plus eine Gemeinschafsküche. Neben dem Gang war ein WC mit Lavabo, ohne Dusche oder Bad. Ein ehemaliger Bewohner des Hauses erinnert sich: «In jedem der rund drei mal vier Meter grossen Zimmer schliefen mindestens zwei Menschen, manchmal auch mehr, wenn plötzlich Nachwuchs da war. Einmal hausten hier oben sogar 14 Personen.»

Die Frauen waren oft illegal bei ihren Männern. Die Kinder ebenso. So auch Lino. Plötzlich stand er in unserer Klasse. Es «Tschinggeli». Zu ihm nach Hause – er wohnte «in den roten Baracken» bei der von Roll – durften wir nie. Ich weiss kaum mehr etwas von ihm, nur, dass er im Kartonnage-Unterricht Unmengen «Watte» gegessen hat. Für dieses «Kunststück» hatte er unsere Bewunderung. Deutsch konnte er kaum. Seine Mutter lebte in Italien. Er war grösser als wir und seine Manchesterhosen flatterten immer weit um seine dürren Beine. Und plötzlich – eine Saison später – war Lino wieder weg. «Zurück nach Italien», hiess es.

In der Reiserstrasse, wo ich aufgewachsen bin, steht eine Zeile mit 7 kleinen, fast identischen Reihenhäuschen. Gebaut für «Isebähnler». In einem lebte Frau Blum, die der aus dem gleichen Quartier stammende Schriftsteller Peter Bichsel mit seiner Erzählung vom Milchmann verewigt hat. Zwei dieser sieben kleinen Häuschen aber standen jeden Winter leer. Ein Bauunternehmer hatte sie für seine Saisonniers gekauft. Mindestens elf müssen es gewesen sein. Denn unmittelbar hinter dieser Häuserzeile lag ein Fussballplatz. Und immer wenn wir gegen die Saisonniers spielten, durften wir wie die Grossen eine eigene Elf aufstellen.

Immer im Herbst, am Ende der Saison auf unserer Fussballwiese, wurden aus den Gegnern von der Saisonnier-Mannschaft Freunde. Junge Männer, die uns bei Brot und Salami von ihrer schweren Arbeit auf dem Bau erzählten. Männer, die von ihren schönen Frauen in ihrer fernen Heimat schwärmten und immer dann verschwanden, wenn sich der Nebel schwer über Olten legte.

Früher war alles besser. Für wen genau?

*Werner De Schepper ist Kolumnist der «Nordwestschweiz» und Moderator bei Tele M1.