De Schepper

Mehr Französisch wegen 9. Februar!

Es braucht einen Aktionsplan zur Rettung des Französisch in der Deutschschweiz.

Es braucht einen Aktionsplan zur Rettung des Französisch in der Deutschschweiz.

Geri Müller hat ein «Selfie» gemacht – und jeder versteht das englische Wort. Englisch hat längst unseren Alltag durchdrungen.

Und dass der Computer Computer heisst, das stimmt zwar. Aber dass der Computer in der Westschweiz eben ein «ordinateur» ist, das wissen längst nicht mehr alle. Und das geht nicht, wenn man in unserem Land zusammen reden, leben und arbeiten will.

Die Abschaffung des Französischen aus dem Unterricht in der Primarschule ist der Anfang vom Ende der Schweiz als multikulturelle und vielsprachige Lebensgemeinschaft. Und, was viele völlig ausser Acht lassen: Das «Nicht-mehr-Französisch-Können» schadet der kleinen Schweiz als Wirtschaftsstandort. Gerade auch nach dem 9. Februar:

Der grösste ausländische Arbeitgeber ist der US-Multi Johnson & Johnson mit weit über 6000 Mitarbeitern, verteilt auf Kantone wie Solothurn, Neuenburg und das Tessin. Wegen der angenommenen Masseneinwanderungsinitiative hat die Leitung der Schweizer Niederlassung beschlossen, die Mitarbeiter vermehrt intern über alle Standorte hinweg einzusetzen und zu verschieben. Aber ohalätz! Das funktioniert nicht. Warum: Weil viele Deutschschweizer nicht mehr gut genug Französisch können, um etwa im Neuenburgischen zu arbeiten. «Natürlich muss man bei uns auf den oberen Kaderstufen gut Englisch können, aber genauso gut muss man auch die Landessprache des Standorts beherrschen», bestätigt Sven Zybell von der Johnson & Johnson-Tochter DePuy Synthes im Kanton Solothurn.

Der Fall ist klar: Wenn es der Schweiz nicht gelingt, ihre Vielsprachigkeit als eine in allen Landesteilen gelebte Realität aufrechtzuerhalten, zerfällt der Standort Schweiz in drei separate, nicht mehr durchmischbare Werkplätze. Natürlich könnte man bei der Arbeit nur noch Englisch reden. Aber genau das will der US-Multi nicht: «Wir achten sehr darauf, dass wir lokal verankert und integriert sind – auch sprachlich wollen wir am Arbeitsplatz kein Fremdkörper sein», erklärt Zybell.

Und an der gleichen Veranstaltung des Industrie- und Handelsvereins Grenchen erklärt der CEO und Besitzer des Bellacher Fräswerkzeuge-Herstellers Fraisa, Josef Maushart, in einem engagierten Plädoyer gegen die SVP-Initiative Landesrecht vor Völkerrecht: «Die gemeinsamen Werte der Schweiz und der EU sind Liberté, Égalité und Fraternité. Wer dieses gemeinsame Fundament geringschätzt, schadet auch der Wirtschaftsbeziehung zwischen der Schweiz und der EU.»

Damit wir auch in der Deutschschweiz «Liberté, Égalité und Fraternité» verstehen, müssen wir auch wissen, wie man es schreibt. Es braucht jetzt einen grossen Aktionsplan zur Rettung des Französisch in der Deutschschweiz. Mit obligatorischem Frühfranzösisch in der Primarschule, mit obligatorischem Welschlandjahr in Sek und Gymi und mit obligatorischen Austauschprogrammen für alle Lehrlinge in Unternehmen, die in mehreren Sprachregionen tätig sind. Do it yourself? Nein, eine Sprache lernt man nicht für sich allein. Allez-y. Oder besser noch: «Allons enfants de la Patrie: Le jour de gloire est arrivé! Contre nous de la tyrannie.» Damit dieser Text der Geburtsstunde der Demokratie in Europa nie verloren geht.

Werner De Schepper ist Kolumnist der «Nordwestschweiz» und Moderator von Tele M1.

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