De Schepper

Maria und Josef ohne Herberge

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Heute in einer Woche feiern wir Weihnachten. Laut Statistiken geht ungefähr die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer an diesem Tag in die Kirche. Dort hören wir die Geschichte von Maria und Josef.

Es ist die Geschichte eines jungen Paares, das ganz anders lebt, als wir es uns gemeinhin vorstellen, wenn wir von einer jungen Familie reden. Dann malen wir uns meist gleich ein Wunschkind aus, reden von einer grösseren Wohnung und die Bank kümmert sich liebevoll um das Ausbildungskonto des ungeborenen Babys.

Nein, die Geschichte von Maria und Josef ist die Geschichte einer jungen Frau, die hochschwanger ist und ihres Verlobten Josef, der nicht der Vater des Kindes ist. Aber Josef liebt Maria und beschliesst, bei Maria zu bleiben. Es ist die Geschichte eines Patchwork-Paares am Rande der Gesellschaft. Josef ist ein einfacher Zimmermann. Marias Beruf ist nicht überliefert. Aus politischen Gründen - weil die römischen Machthaber ihre Steuerlisten aktualisieren wollen - müssen die beiden plötzlich - und obwohl Maria hochschwanger ist - ihren Wohnort in Nazareth verlassen. Sie nehmen ihre Habseligkeiten und nach einer beschwerlichen Reise kommen sie erschöpft in Bethlehem, dem Heimatort Josefs, an.

Die Geschichte von Maria und Josef ist die Geschichte zweier unerwünschter Menschen. Der Heimatort Josefs hat keinen Platz für dieses Paar und versagt ihnen die Gastfreundschaft. Nicht mal einen bezahlten Platz «in einer Herberge» gibt es. Irgendwo draussen wird das Kind geboren und in einen Futtertrog gelegt. Einzig ein paar Hirten, die selber nichts haben, kümmern sich um das unerwünschte Paar mit dem Kind. Es gibt kein Happy End in Bethlehem. Zwar kommen ein paar Magier - vermutlich gebildete, weise Menschen aus dem Fernen Osten, die ebenfalls als Vertriebene durch die Zeit irren - bei Maria und Josef vorbei und hinterlassen einen Duft von Weihrauch und Myrrhe, der die beiden daran erinnert, dass der Mensch nicht nur vom Brot allein lebt.

Kaum sind die Magier weg, tauch auch das obdachlose Liebespaar mit dem Baby unter und flüchtet aus dem abweisenden Heimatort Josefs weit weg nach Ägypten.

Die Geschichte von Maria und Josef und ihrem Sohn Jesus ist eine Geschichte von Liebe und Angst, Heimat und Vertreibung.

Heute nennen wir solche Menschen «unerwünschte Migrationspersonen». Weihnachten ist für alle, die einen warmen Platz in der Herberge haben oder selber eine Herberge besitzen, aber ihre Türen fest verschlossen haben, keine Beruhigungspille, sondern ein Stich ins Herz.

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