Jedes Jahr fahre ich mehrmals nach Belgien, die Heimat meiner Eltern. Weit über 100 Mal bin ich schon mit meinem Vater im Auto gesessen. Aber noch nie hat die Schweiz uns so begleitet wie an diesem Montag.

Am Morgen auf dem Südwestfunk, dann auf der Europawelle Saarland, am Mittag in Luxemburg auf RTL und schliesslich den ganzen Nachmittag auf den verschiedenen belgischen Sendern. Immer nur ein Thema. Immer nur eine Message: Die Schweiz kehrt Europa den Rücken zu.

Abends bei Onkel Jan gehts weiter: Die Schweiz ist das Hauptthema in den TV-Nachrichten.

Auf dem flämischen Staatssender VRT folgt nach den Nachrichten das Hintergrund-Programm «Terzake» - «zur Sache».

Die Schweiz ist das Thema Nummer 1. Gezeigt werden Skype-Interviews mit zwei gut ausgebildeten Belgierinnen, die in Zürich arbeiten.

Sie erklären, dass die Schweizer sich beengt fühlen. In den Zügen und überhaupt. Dazwischen immer wieder SVP-Plakate. Um die Schweizer Position den Belgiern zu erklären, hat der Staatssender einen Gast ins Studio eingeladen.

Eine Viertelstunde lang darf er das Schweizer Volks-Ja verteidigen. Unwidersprochen. Die Moderatorin behandelt ihn wie einen Experten.

Auf alle Fälle als einen Freund des Schweizer Volkes. Er macht seine Sache gut: «Wissen Sie», sagt er zur jungen Moderatorin, «in der Schweiz gibt es echte Demokratie. Dort darf wirklich das Volk sagen, was es denkt, nicht wie bei uns.»

Je länger das Gespräch dauert, desto mehr taut er auf: «Die Schweiz ist das Modell für Europa, für uns alle. Das Resultat ist ein Segen für Europa.» - «Aber dann müssen doch auch wir Belgier und Europäer aus der Schweiz raus?» - «Das macht nichts. In jedem Land kommt das eigene Volk zuerst.»

«Noch nie hat dieser Politiker so einen einzigartigen Auftritt gehabt. Das war ausserordentlich», bestätigt am nächsten Tag Bart Sturtewagen, Chefredaktor der flämischen Qualitätszeitung «De Standaard».

Kein Wunder. Im Studio sass niemand anders als Gerolf Annemans, Chef des rechtsextremen «Vlaams Belang».

Ausser mit anderen Parteivertretern zusammen darf er sonst nie am Fernsehen auftreten. Mit gutem Grund. Seine Partei ist die Nachfolgeorganisation des «Vlaams Blok» - einer Partei, die man per Gerichtsbeschluss abgesegnet als rassistisch bezeichnen darf.

Eine Partei, die unter dem Slogan «das eigene Volk zuerst» die Ausländer zum Land rauswerfen will. Eine Partei, die gegründet wurde, um für die Kollaborateure des Nazi-Regimes in Belgien Amnestie zu verlangen.

Dieser Mann durfte jetzt allein im Staatssender auftreten - als Anwalt der Schweiz. Und draussen auf den Strassen Flanderns hängt überall der neue Wahlslogan seiner Partei: «Holt den Stock aus dem Schrank.» Wozu, will man sich nicht ausdenken. Menschen mit Schlagstöcken sind keine Freunde und die falschen Anwälte.