Wenn die Frau im 3. Stock vergisst, am Abend die trockene Wäsche von der Leine zu nehmen, liegt sie am nächsten Morgen schon schön gefaltet im Korb. Wenn der Igel im Garten des Blocks die Stufen zum Wäschekeller runterfällt, legt sie ab dem Tag jeden Abend ein langes Brett vor dem Abgang hin, «damit der nicht wieder runterfällt». 

Frau Mischler ist die gute Seele des Blocks. Sie legt der Nachbarin ihre Zeitung hin, sie erkundigt sich vorsorglich bei der Vermieterin, ob eine grössere Wohnung frei wird, wenn sie sieht, dass das junge Pärchen im obersten Stock bald mehr Platz braucht. Sie geht an die Beerdigung der alten Italienerin vom Block nebenan. «Weil sie jeden Tag so herzlich gegrüsst hat, obwohl sie kaum Deutsch konnte.» 

Frau Mischler ist 87 Jahre alt und so gar nicht alt. So fröhlich und voller Güte. Sie muss ein schönes Leben gehabt haben, denke ich so. «Ich habe ein gutes Leben gehabt», sagt sie. Und erzählt, wie sie zusammen mit ihren acht Geschwistern verdingt worden war, weil ihr Vater ein Säufer war, wie sie ihre schönsten Weihnachten als Kind im Inselspital erlebte, «weil dort sogar ein Engel vorbeikam», wie schön es doch war, dass sie ihre Geschwister später an Hochzeiten noch alle kennen lernen durfte, wie ihr Mann früh an Krebs starb, aber sie Glück gehabt habe, dass der Krebs bei ihr erst jetzt gekommen sei, so habe sie noch bis letztes Jahr eine gute Hauswartin sein können.

«Nein, nein. Ich darf fürwahr nicht jammern.»