Meist von Männern, die mir telefonisch und per Mail mitteilten, ich hätte keine Ahnung vom Leben, keine Ahnung von den Frauen. Alle diese Männer berichteten mir von Frauen, für die eine Abtreibung nichts anderes als eine Form der Verhütung sei. Sie berichteten mir von gewissenlosen, bösen Frauen. Von den Männern, die diesen Frauen Kinder anhängen, wussten diese Männer nichts zu erzählen. Es sind böse Mails von Männern. Was immer sie dazu gemacht hat: Sie glauben, sie reden im Namen der Liebe, aber sie schreiben voller Hass.

Keine Frau treibt leichtfertig ab. Dazu folgende Geschichte: Vorgestern traf ich Valérie, eine Ex-Studentin von mir. Sie ist 25 Jahre alt und jobbte bis vor ein paar Monaten für einen grossen Schweizer Medienkonzern. Sie ist in Berlin ebenso zu Hause wie in Zürich und Prag. Mit ihren grossen Augen, die immer begeistert blicken, sagt sie: «Ich bin so glücklich. Meine Schwester hat jetzt ein Kind. Aurélie ist der Sonnenschein unserer WG. Ich bin jetzt zusammen mit meiner Schwester für Aurélie da.» Und das Geschöpf, dessen Foto sie mir auf dem Smartphone zeigt, ist - wie könnte es anders sein - das süsseste Baby der Welt.

Es hätte anders sein können. Valéries fünf Jahre jüngere Schwester wurde vergewaltigt. Letztes Jahr in einem Park in einer mittelgrossen Schweizer Stadt. Von einem Unbekannten, der bisher nicht identifiziert werden konnte. «Meine Schwester ist eine so unglaublich positive Person.» Mit einer Hoffnung wider alle Hoffnung beschloss die vergewaltigte Frau, das unschuldige Geschöpf in ihrem Leib zu einem guten Ende auszutragen und zur Adoption freizugeben.

Sie gebar das Kind. 2600 Gramm schwer und nannte es Aurélie. Vier Tage stillte sie es. Valérie war dabei: «Dann kam die Krankenpflegerin und holte es zur Adoption ab. Es war zu viel für meine Schwester. Sie brach zusammen.» Da reichte ihr Valérie die Hand und die beiden Frauen beschlossen, das Kind gemeinsam als Mutter und Mutter grosszuziehen. Um wirklich für ihre Schwester und das Kind da zu sein, arbeitet Valérie jetzt 50 Prozent. Und während sie das erzählt, kommt kein Jammern, kein Selbstmitleid: «Gemeinsam teilen wir Freud und Leid. Das ist ein grosses Glück.»

Keine Frau treibt leichtfertig ab. Die Geschichte von Aurélie widerlegt den Geist der Initiative «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache» aufs Schönste: Aurélie lebt, weil sie und ihre vergewaltigte Mama Gemeinschaft erfahren. Wer weniger Abtreibungen will, muss sich mit den Frauen solidarisieren, statt ihre Not zu privatisieren. Bien à toi, Aurélie.