Kolumne

Was tun Sie so an Auffahrt?

Die Ausgiessung des Heiligen Geistes an Pfingsten. AKG

Die Ausgiessung des Heiligen Geistes an Pfingsten. AKG

Kolumne über das Paradox, vom Kirchenkalender die Lizenz zum Blaumachen zu holen.

Ostern, Auffahrt, Pfingsten. Den Rhythmus des Jahres lassen wir uns vom Kirchenkalender vorgeben. Und so viel ich weiss, ist keine Initiative unterwegs, die kirchlichen Feiertage abzuschaffen. Meist denken wir uns nicht viel dabei, ist halt so Tradition, an Auffahrt arbeiten wir nicht, wie mancherorts am 1. Mai. Nur, der 1. Mai hat seine Bedeutung, das weiss jeder, selbst wenn er sie bescheuert findet. Doch was bedeutet Auffahrt? Auch wenn die Erzählung aus der Bibel noch präsent ist: Was bedeutet sie für uns als Gesellschaft? Was machen wir an Auffahrt? Beliebt ist die «Brücke», also mehrere Tage freinehmen, wir fahren in den Süden oder sonst wohin, erst mal mit dem Auto in die Waschanlage. Tja, wir sind halt jetzt aufgeklärt und entschieden weltlich, ohne metaphysischen Überbau lebt es sich ungenierter. Kurios nur, dass wir die Lizenz zum Freimachen doch aus dem Kirchenkalender holen. Als säkularisierte Gesellschaft könnten wir uns einfach eine zusätzliche Ferienwoche gönnen. Warum bleiben wir bei den Festtagen, wenn wir sie doch nur nutzen, um unseren Erlebniskonsum zu steigern?

Es gibt Orte, da bedeutet Auffahrt noch etwas mehr als nicht arbeiten müssen. Im luzernischen Beromünster zum Beispiel. Da gibt es seit eh und je den Auffahrts-Umritt. In der Morgendämmerung rüsten sich die Leute zur Prozession. Wer kann, steigt aufs Pferd, auch die Blasmusik ist beritten, der Kirchenchor, der Klerus, der Kirchenrat, zur Sicherheit begleitet von Kavalleristen. Dahinter Hunderte zu Fuss. Sie ziehen im grossen Bogen über Land, durch
die Nachbarsgemeinden. Unterwegs machen sie regelmässig Halt unter Baldachinen aus natürlichen Girlanden, sie singen Gottes Lob, segnen die Felder. Nachmittags um drei Uhr kehren sie zurück, ziehen feierlich ein im alten Flecken, beschliessen die Zeremonie in der barocken Stiftskirche mit dem «Te Deum», während Jesus – in Form einer lebensgrossen Statue – langsam in den Himmel entschwebt und im Estrich der Kirche verschwindet.

Kein beliebig freier Tag also in Beromünster, Auffahrt hat eine spezielle Bedeutung. Da lebt der alte Brauch weiter, ein Fest der Sinne, die Reiter tragen bunte Mäntel, die Pferde sind geschmückt, alle haben sich herausgeputzt, alles glänzt. Mit Frömmigkeit hat das wenig zu tun. Es ist eher ein opernhaftes Ritual, mit einer religiösen Vertikale, das Wort «religiös» im Wortsinne genommen: mit einer «Beziehung» über sich hinaus. Das Ritual feiert die Verbundenheit von Himmel und Erde, von Natur und Mensch, von Frühling und Fruchtbarkeit, von Tod und neuem Aufschwung. Wer seine Menschenseele nicht aus Versehen bekommen hat, weiss, dass der Mensch solche Gelegenheiten braucht, um aus sich herauszukommen, seine Ich-Besoffenheit mal zu verlassen, sein Hirn durchlüften zu lassen von etwas, das grösser ist als das aufgeplusterte Ich.

Doch wenn diese Bedeutung nur in Beromünster und einer Handvoll weiterer Orte kräftig lebt: Wozu macht dann die ganze Schweiz blau? Mit wenig Ich-Durchlüften, mit mehr Stau, Spass, Stress, wie an kommunen Massenurlaubstagen? Vielleicht weil der Rhythmus so menschenfreundlich wirkt? Weil wir ahnen, dass wir einen ähnlichen nicht hinkriegen?

Die französischen Revolutionäre hatten es versucht. Rigoros kappten sie jede Verbindung zu Geschichte und Tradition, sie strichen die kirchlichen Feiertage, ersetzten sie durch sechs höchst vernünftige Sondertage: «Tag der Tugend», «Tag des Geistes», «Tag der Arbeit», «Tag der Meinung», «Tag der Belohnung», «Tag der Revolution». Das Konzept scheiterte gründlich – wie vergleichbare Experimente später in kommunistischen Staaten.

Wir können solch abstraktes Zeugs unmöglich feiern. Menschen sind Sinnenwesen, etwas Theater muss man uns schon bieten. Wir brauchen Geschichten, die unserem Gerenne eine Art Sinn geben, wir brauchen Mythen, die uns mit den grossen Dingen verbinden, wir brauchen Erzählungen, damit wir nicht depressiv werden mit den lästigen Fragen nach dem Woher und Wohin und Wozu. Vielleicht dämmert uns an Feiertagen: Profan sein ist ja ganz okay, nur auch etwas spiessig, krass anstrengend (man muss dauernd etwas mit sich unternehmen), schnell banal (man bleibt doch immer derselbe). Da wäre es attraktiv, in eine Geschichte mit mehr Höhe und Weite zu gelangen, in eine Mythologie, in der es um mehr geht als nur um mich. Aber nicht dass sich jetzt alle nach Beromünster aufmachen! Sonst ist die Aura des prächtigen Umritts im Eimer.

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