Politiker sprechen gerne von der europäischen Idee. Eine Idee – als sei Europa ein Gedankenspiel, etwas in den Köpfen, das verwirklicht werden solle oder wahlweise unbedingt verhindert werden müsse. Aber Europa ist keine Idee. Europa ist eine Tatsache. Eine historische, eine ökonomische, eine politische und vor allem auch eine kulturelle. Europa ist Realität. Eine tagtäglich gelebte Realität. Und das gilt natürlich auch für die Staaten Europas, die nicht Mitglieder der Europäischen Union sind. Europa, das ist auch die Schweiz.

Dieses Europa ist in einer paradoxen Situation: Es ist so sehr Realität und Alltag geworden, dass wir die historische Dimension des Erreichten zu vergessen drohen. 70 Jahre Frieden zwischen den europäischen Völkern. Das ist kein gnädiger Zufall der Geschichte. Das ist das direkte Ergebnis jener Bemühungen um Frieden durch wirtschaftliche Integration, die 1951 mit der Gründung der Montanunion ihren Anfang nahmen. Und diese Bemühungen waren nicht ohne Verzicht zu haben. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass sich die Bürger Europas nach den Gräueln zweier Kriege dazu durchgerungen haben, einen Neuanfang zu wagen, dass die Franzosen und Niederländer bereit waren, den Deutschen die Hand zu reichen.

Natürlich ist es nicht ganz richtig, von 70 Jahren Frieden in Europa zu sprechen – zumindest nicht, wenn man, so wie wir, unter Europa mehr versteht als nur die Europäische Union. Jugoslawien ist in den Neunzigerjahren in einem grausamen Krieg zerfallen. Aber auch dieses dunkle Kapitel verweist auf die Dringlichkeit eines vereinten Europas. Man möge sich einmal vorstellen, wie der Fall des Ostblockes ausgegangen wäre, wenn Ende der Achtzigerjahre nicht ein in sich friedliches, geeintes Europa da gewesen wäre, um die Verwerfungen aufzufangen. Hätten sich dann die ehemaligen Sowjetrepubliken und Bündnisstaaten des Warschauer Paktes zu, mal mehr, mal weniger demokratischen, aber doch freien Staaten entwickeln können, deren Zugehörigkeit zu Europa wir längst nicht mehr infrage stellen?

Europa ist Realität. Und dennoch, was Europa im Kern ausmacht, ist bedroht. Die noch jungen Demokratien Ungarn und Polen haben die Prinzipien der Gewaltenteilung ausgehebelt und schränken die Bürgerrechte ein. Sie wollen illiberale Demokratien sein. Illiberal? Unfreie Demokratien? Was für eine orwellsche Wortschöpfung. Nur wer verkennt, dass der grundsätzlichste Rahmen für die Demokratie immer noch die Begriffe der Französischen Revolution sind – Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit (oder Solidarität, wie wir heute sagen) –, kann so sprechen.

In Grossbritannien hat sich eine knappe Mehrheit von den offensichtlichen Lügen einer infamen Kampagne überzeugen lassen und für den Austritt aus der EU gestimmt, mit unabsehbaren Folgen für den Frieden auf der irischen Insel und einem unbezifferbaren wirtschaftlichen Schaden für fast alle Beteiligten.

Mit der Dublin-Verordnung richtet eine ebenso untaugliche wie in höchstem Masse unsolidarische Vereinbarung grössten Schaden an, indem sie die Last der Migration den südlichen Randstaaten aufbürdet und eine sinnvolle Regelung der Migrationsfrage verhindert.

Es steht nicht gut um die politische Kultur. Nicht nur in Europa. Die Wahl Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten hat viel Unsagbares sagbar gemacht und viel Undenkbares Realität werden lassen. Brasilien verabschiedet sich mit der Wahl eines Präsidenten, der sich als der brasilianische Trump bezeichnen lässt, gerade von der Demokratie. Despotische Regime sehen ihre Zeit gekommen, weil sie wissen, dass sie kaum Widerspruch zu befürchten haben. Die Saudis trauen sich, den Kritiker Khashoggi im Konsulat in Istanbul verschwinden zu lassen. Die Chinesen bauen Umerziehungslager für die Uiguren. Putin schickt Auftragsmörder nach England. Journalisten werden eingesperrt oder umgebracht.

Es sind gute Zeiten für Despoten. Und gerade deswegen ist ein Europa, das die Ideale der Demokratie hochhält, heute so wichtig. Aber auch die Herausforderungen der Globalisierung lassen sich nicht mit Kleinstaaterei lösen. Die Kontrolle der Finanzmärkte, die Migrationsfrage, die Übermacht der grossen Player der Digitalisierung – und nicht zuletzt das Jahrhundertproblem des Klimawandels – das alles sind Probleme, die wir nur in einem starken, solidarischen Europa lösen können.

Am heutigen Samstag wollen wir all jene auf der Strasse versammeln, die sich vor einem Rückschritt in die dunklen Zeiten des Nationalismus sorgen und die an die Zukunft eines demokratischen Europas glauben. Es haben sich dabei Bündnisse gebildet aus politischen Lagern, die sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie dieses Europa im Detail eingerichtet sein soll. Und genau das haben wir mit unserem Aufruf beabsichtigt. Heute soll es nicht darum gehen, ob wir uns ein Europa mit mehr oder weniger Bürgerbeteiligung wünschen, ob wir eine strenge Fiskalpolitik ablehnen oder befürworten, ob wir eine angebots- oder eine nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik favorisieren. Über diese Fragen werden wir im kommenden Europawahlkampf genug streiten. Bevor dieser losgeht, wollen wir heute ein Zeichen setzen: Europa ist unsere Geschichte, Europa ist unsere Gegenwart, und ein demokratisches Europa soll unsere Zukunft sein!

Der Autor Jonas Lüscher und der Philosoph Michael Zichy haben sich zum Ziel gesetzt, dass in 50 europäischen Städten Demonstrationen für ein gerechteres Europa stattfinden – an diesem Samstag, 13. Oktober.

Demonstration in Basel: Start am Claraplatz, Samstag um 14 Uhr

Kundgebung in Zürich: Bürkliplatz, Samstag um 19 Uhr

www.13-10.org