Coronavirus

Was weiss denn ich?

Alain Claude Sulzer: «Wann begann sich das Virus in unseren Köpfen einzunisten?» (Archivbild)

Alain Claude Sulzer: «Wann begann sich das Virus in unseren Köpfen einzunisten?» (Archivbild)

Corona ist überall. Ein so einschneidendes Momentum wie die Anschläge am 11. September oder der Fall der Berliner Mauer hat dieses kollektive Ereignis aber nicht, schreibt Autor Alain Claude Sulzer in seinem Essay für die «Schweiz am Wochenende».

Wann hörten wir zum ersten Mal davon?

Jeder erinnert sich an den Augenblick, als ihn am 11. September 2001 die Nachricht erreichte, ein Flugzeug habe ein Hochhaus in New York gerammt; welches Gebäude betroffen war, erfuhr man kurz darauf; dass es sich dabei nicht um einen Unfall, sondern um einen bewussten Akt der Zerstörung handelte, begriff man schnell. Die Nachricht traf einen unvorbereitet, umso schockierender war sie. Aus Filmen kannte man die Vorstellung, Aliens würden eine Stadt wie New York heimsuchen (in den 30er-Jahren genügte noch ein Fabelwesen wie King Kong, um Angst und Schrecken zu verbreiten); dass es einzelne Fanatiker gab, die bereit waren, viele Menschenleben auf einen Schlag auszulöschen, gehörte seit den Olympischen Spielen 1972 zu unserer Vorstellungswelt; doch mit diesem Anschlag war eine neue Qualität an Gewalt und Opferzahlen erreicht; im Übrigen war die Globalisierung schon so weit fortgeschritten, dass die Täter sicher sein konnten, dass die Bilder des Attentats in die ganze Welt hinausgetragen würden. Der Augenblick prägte sich ein. Er blieb abrufbar. Auch Sie, die das jetzt lesen und alt genug sind, den Augenblick erlebt zu haben, erinnern sich natürlich, wo Sie sich gerade aufhielten, als die Twin Towers des World Trade Centers einstürzten.

Der Anruf einer Pariser Freundin auf dem Festnetz – ein Handy besass ich noch nicht, das Smartphone war noch nicht erfunden oder jedenfalls nicht auf dem Markt – erreichte mich in der Küche meines Hauses in Frankreich, genau dort, wo ich mich auch jetzt, knapp neunzehn Jahre später, aufhalte (diesmal mit Smartphone und dadurch mit vielen Freunden vernetzt). Ich war gerade dabei, die Küche zu streichen. Ich schaltete sofort den Fernseher ein und blieb nun während Stunden davor sitzen. Ich telefonierte mit Freunden. Wir alle – wo wir auch waren – wurden Zeugen der Vorgänge, die Millionen andere zur gleichen Zeit ebenfalls am Fernsehen verfolgten: Nachdem ein erstes Flugzeug in den Nordturm des World Trade Center gelenkt worden war, explodierte vor unseren Augen eine weitere Maschine im zweiten Tower, während, wie gemeldet wurde, andere Flugzeuge gekapert und andernorts in den sicheren Untergang gezwungen wurden. Sprachlosigkeit und Lähmung wichen dem Entsetzen. Die Tragödie nahm ihren Lauf; man war vom ersten bis zum letzten Augenblick dabei; nicht wenige sorgten sich um Freunde, Bekannte oder Verwandte, die sich gerade in New York aufhielten (oder sogar in einem der Flugzeuge sassen, die sich auf ihrem Todesflug befanden). Ich habe das Zimmer, in dem der Fernseher stand, an diesem Tag nicht mehr verlassen.

Kein Zeit-Bild-Gedächtnis-Mythos

Die Bilder gingen einem nicht aus dem Kopf, die starken Gefühle veränderten sich allmählich, die erinnerten Bilder auch. Im Laufe der folgenden Wochen, Monate und Jahre sollte man noch oft Gelegenheit erhalten, die Einschläge der entführten Maschinen und den Einsturz der Twin Towers Revue passieren zu lassen. Wem es gelang, wegzuschauen oder auszuschalten, schaffte es nicht notwendig, die Bilder zu verdrängen; auch nicht die Rufe jener schockierten Zuschauer, die auf ihren Handys filmten, was unmöglich schien; Menschen, die vor einer weit in den Himmel aufragenden Staublawine davonrannten; Menschen, die in ihrer Verzweiflung aus den Hochhäusern in die Tiefe sprangen; New York in eine graue, undurchdringliche Staub- und Aschewolke gehüllt, die den Tag zur Nacht machte und sich als dicke Schicht auf den Strassen, Autos und Menschen ablagerte. All das hat sich jenen, die Zeugen des Geschehens waren, für immer eingebrannt, gleichgültig, ob sie sich in New York oder an einem weit entfernten sicheren Ort aufhielten. Dass sich eine Vielzahl von Filmen, Essays, Sachbüchern und Romanen direkt oder indirekt auf dieses Ereignis beziehen würden, wie sich zuvor unzählige Filme, Essays, Sachbücher und Romane auf den Fall der Berliner Mauer 1989 bezogen hatten, war eine der zu erwartenden intellektuellen Folgen dieser von Menschen zielsicher herbeigeführten Katastrophe; von den diversen Verschwörungstheorien, die seither darüber kursieren, ganz zu schweigen. Eines war allen klar: Die Welt war nach diesem Morgen in New York nicht mehr dieselbe wie zuvor.

Wann hörten wir zuerst vom Coronavirus? Wo waren wir, als wir es hörten? Wann fingen wir an, dessen Verbreitung wahrzunehmen, wann wurde uns dessen Gefährlichkeit bewusst? Wann begann sich das Virus als konkrete Bedrohung in unseren Köpfen einzunisten? (Die Frage, wann es sich wieder entfernen wird, wage ich nicht laut zu formulieren.) Kaum jemand wird sich daran erinnern; ich jedenfalls erinnere mich nicht. Es wird im Fall dieser Katastrophe oder Krise – deren Quelle und Ausgangspunkt vermutlich nie mit letzter Sicherheit erforscht werden wird – keinen Zeit-Bild-Gedächtnis-Mythos geben wie im Fall der einstürzenden Türme von New York.

Mehr Echo denn Einschlag einer Bombe

Weit weg, in einer Stadt in China, deren Namen ich zuvor nie gehört hatte, breitete sich etwas aus, von dessen Gefährlichkeit sich zunächst lediglich Virologen und Epidemiologen, Genetiker und Biologen, allmählich aber auch eine zunehmende Zahl von Politikern und Journalisten eine Vorstellung machten. Es dauerte Wochen, bis auch der Rest der Welt – weit über eine mir bislang unbekannte chinesische Provinz hinaus – begriffen hatte, was ihr bevorstand; dass ihr ähnliche Eingriffe in den Alltag wie der chinesischen Bevölkerung blühten, wusste sie noch nicht. Wie bei allen Ereignissen, die sich in weiter Ferne abspielen, gab es viele Möglichkeiten, sich eine Weile zurückzulehnen und in Sicherheit zu wiegen. Doch die Sicherheit war trügerisch.

Die erste Nachricht über dieses Virus schlug also nicht wie eine Bombe ein. Man nahm sie eher wie ein fernes Echo wahr, über das man hinweghören konnte, wie man über Gewalttaten oder Kriege in fremden Ländern, über Flüchtlingsströme in Syrien oder verfolgte Ethnien hinwegweghören konnte (und kann). Die Nachrichten kamen schleichend und schwollen an; sie begannen uns erst zu beunruhigen, als die Ratschläge der Wissenschaftler und die Appelle der Politiker und Gesundheitsbehörden immer eindringlicher wurden. Ausser den üblichen Verdächtigen (von links und von rechts) versuchte niemand, die Rolle des Besserwissers oder Provokateurs zu spielen, um sein eigenes Süppchen zu kochen. Was den angenehmen Nebeneffekt hatte, dass sich Populisten und Vereinfacher plötzlich verkrochen und verstummten; zumindest jene, die nicht schon an der Macht waren oder geradezu zwanghaft die Welt vereinfachen müssen; ersparen wir uns hier eine Namensliste.

Viel Fantasie ist nicht nötig, um sich vorzustellen, dass die Folgen dieser Epidemie die Folgen des Attentats vom 11. September 2001 ebenso in den Schatten stellen werden wie die Folgen der Finanzkrise 2008, die seltsamerweise immer wieder in einem Atemzug mit der aktuellen Pandemie genannt wird, obwohl die Finanzkrise doch ganz und gar menschengemacht war.

Sicher ist: Die Folgen werden ungleich mehr Menschen direkt betreffen als die Anschläge vom 11. September 2001. Wenn ich mich richtig erinnere, wurde deren historische Dimension relativ schnell und richtig eingeschätzt. Was die Folgen der Coronapandemie angeht, sieht es schon schwieriger aus, denn hier sind global so viele grosse und kleine Unternehmen, Angestellte, freischaffende Kreative und Künstler, Mieter, Vermieter und Anleger, durchweg jede und jeder betroffen, sodass jede und jeder einen Entwurf für sein ganz persönliches Horrorszenario im Kopf hat; von den Toten ganz abgesehen. Zwar geht es im Augenblick erst einmal darum, die Gegenwart – von Tag zu Tag – zu meistern, doch die ungewisse Zukunft droht mit Macht. Und umso mehr, als jeder auf sich selbst, seine Familie, die eigenen vier Wände zurückgeworfen ist. Im besten Fall dämmert am Horizont ein ungeahnter Aufbauwille, wer weiss; wer möchte es nicht hoffen.

Ob die Auswirkungen dieser Seuche apokalyptischer oder kathartischer Natur sein werden, wissen wir noch nicht. Die Zukunft hängt von vielen Faktoren ab, die wir erst dann benennen und bewerten können, wenn wir das Virus «besiegt» haben und lähmende Depression jener Aufbruchsstimmung Platz macht, von der wir noch träumen. Bis dahin wird, wie ich befürchte, noch vieles geschehen, mit dem wir nicht gerechnet haben; doch meine Furcht ist, wie ich weiss, persönlich gefärbt, eine Mischung aus irrationaler Angst vor dem Ungewissen und dem nur selten erfolgreichen Versuch, den Kopf so weit wie möglich in den Sand zu stecken, weil sich diese Methode als hilfreicher erweisen könnte als dauerhafter Stress.

Wir befinden uns in einem verstörenden Bombenhagel

Noch befinden wir uns in einem verstörenden Bombenhagel aus sich ergänzenden, einander selten widersprechenden Informationen (Texte und Bilder), wie man sie bislang nur aus Katastrophenfilmen kannte. Im Vergleich zur aktuellen Realität hatten diese den Vorteil, uns nach zwei Stunden in jene Normalität zu entlassen, die wir uns jetzt so sehnlich zurückwünschten. Eben noch schien die Wahrscheinlichkeit, dass sich das, was Kinohits als Schreckensvisionen auf die grosse Leinwand malten, tatsächlich zutragen könnte, so ausgeschlossen wie ein Angriff von Aliens aus dem All. Inzwischen aber sind wir darauf gefasst, dass auf unseren Phones, Tablets, Watches und Rechnern im Minutentakt News voller Zahlen (von Infizierten, Getesteten, Toten, Genesenen und Medikamenten) aufleuchten, die jenen in den Blockbustern von einst in nichts nachstehen. Offiziellen Verlautbarungen – Medienkonferenzen des Bundesrats oder des Bundesamts für Gesundheit – lauschen wir wie man wohl weiland den Heeresberichten lauschte, begierig und hoffnungsvoll, vom Sieg oder dem Ende der Kampfhandlungen zu hören; bislang noch immer enttäuscht.

Egal, ob die Wortwahl vom Krieg, in dem wir uns befinden – wie Emanuel Macron ihn beschwor –, zutrifft oder nicht: Die überwältigende Mehrheit hält sich an die Weisungen der Behörden, weil ihr nichts anderes übrig bleibt, als davon auszugehen, dass die Vertreter des Staats besser als Einzelne wissen, was zu tun und was zu lassen sei. Nicht etwa, weil sie individuelle Erfahrungen mit Epidemien hätten, sondern, weil ihnen die jeweiligen Fachleute beistehen.

Über kurz oder lang werden wir dieser Nachrichtenüberflutung wohl überdrüssig werden; wir werden gewisse Dinge zu überhören beginnen, wenn wir uns nicht völlig irre machen lassen wollen, und das Unwichtige aus dem Wichtigen herausfiltern. Immer auf dem neuesten Stand sein zu wollen, ist vermutlich das grössere Übel, als hin und wieder wegzuhören und wegzuschauen. Aber das ist einfacher gesagt als getan. Was weiss denn ich? Ich bin wie alle dazu verurteilt, mich zurückzuziehen. Ich reagiere. Ich schreibe. Ich versuche, wie jeder, eine Sache, die mir ständig entgleitet, in den Griff zu bekommen. Auch indem ich mich hin und wieder dazu zwinge, sie bewusst entgleiten zu lassen und anderen Gedanken nachzuhängen. So merkwürdig es auch klingen mag: Selbst dieser Beitrag trägt dazu bei.

Nicht nur faktengesättigte News stürzen auf uns ein, sondern auch Betrachtungen wie diese. Historiker ziehen Vergleiche, Literaturkritiker empfehlen Bücher, Autoren schreiben über ihren Alltag und ihre Befindlichkeit (und Kulturjournalisten kommentieren das fleissig, weil es ihnen gerade an anderem Stoff mangelt). Von den gezeichneten Witzen und humorigen Videos ganz zu schweigen, die uns jeweils für ein paar Sekunden durch Erheiterung entlasten. Das Reservoir an guten Pointen ist unerschöpflich; selbst in der reichlich strapazierten Rubrik Toilettenpapier finden sich immer wieder Perlen! Wir greifen nach jedem rettenden Anker, auch nach den gut gemeinten Ratschlägen, mehr zu lesen, Ordnung zu schaffen, Spiele zu spielen, Musik zu hören oder (wie Angela Merkel in ihrer Fernsehansprache etwas tantenhaft empfahl) mal wieder Briefe zu schreiben.

Doch unsere Ängste lassen sich nur kurzfristig durch Ablenkungen besänftigen. Die Fragen nach dem, was als Nächstes und Übernächstes kommt, lassen uns nicht los, denn noch bleiben sie offen.

Zwei unterschiedliche Zukunftsmodelle kursieren

Im Augenblick kursieren zwei völlig unterschiedliche Zukunftsmodelle. Das eine besagt, dass wir düsteren Zeiten entgegengehen (Massenarbeitslosigkeit, Inflation, Armut, Zusammenbruch der Gesundheitssysteme und Kulturinstitutionen etc.); das andere stellt eine Rückbesinnung im Sinn einer Wende in Aussicht (die Flüsse werden sauber wie die Kanäle von Venedig, der Mensch trägt fürderhin Sorge zur Natur und zu seinen Mitmenschen, weltweit werden Kriege beendet, wie der Generalsekretär der UNO gerade forderte etc.). Oder wie mir eine Freundin kürzlich schrieb: «Das Virus schafft, was Weltverbesserer von Luther über Marx bis Greta vergebens predigten: Selberdenken, Nächstenliebe, Gottesfurcht, Achtsamkeit, Nachhaltigkeit, Entschleunigung, und sogar die Wirtschaft muss nicht mehr wachsen ...»

Welche der beiden Optionen sich tatsächlich realisieren wird, wissen wir heute nicht. Vielleicht wird man einer dritten den Vorzug geben, welche die Gesellschaft in gesunde Junge und kranke oder gefährdete Alte trennt, die in die Langzeitquarantäne geschickt werden. All dies sind strategische
Gedankenspiele, deren Ende offen ist, die Gewinner kennen wir nicht, die Verlierer mögen wir uns lieber nicht vorstellen.

Wir haben die Orientierung verloren und deshalb ein mulmiges Gefühl. Wir essen, wir trinken, wir arbeiten, wir schlafen, wir lesen, wir kommunizieren, wir bewegen uns, wir sprechen, wir singen, wir klatschen, wir korrespondieren. Aber allen diesen (und anderen) alltäglichen Tätigkeiten fehlt die Selbstverständlichkeit, die sie gerade noch hatten, nicht nur, weil wir sie bloss noch mit jenen teilen, die uns am nächsten sind, sondern auch, weil die zahlreichen Momente der unerwarteten Begegnungen – auf der Strasse, im Restaurant, bei Freunden – fehlen. Der Rest der Welt scheint ausgeschlossen.

Wir sind, wie es bei Friedrich Rückert (und Gustav Mahler) heisst, der Welt «abhanden gekommen». Sie hat, wie es im Gedicht (und im Lied) heisst, «so lange nichts von mir vernommen». Ich «ruh’ in einem stillen Gebiet». Aber nicht die gähnende Leere meiner Agenda, aus der nach und nach jeder berufliche und private Termin der nächsten Tage und Woche gelöscht wurde (und wohl noch gelöscht werden wird), beunruhigt mich, sondern die Frage, wann sie sich wieder füllt.

Ein Fazit kann es zu diesem Zeitpunkt nicht geben

Statt eines Fazits, das man zu diesem Zeitpunkt nicht ziehen kann, ein paar persönliche Ratschläge: Konsumieren Sie keine News, kurz bevor Sie ins Bett gehen. Konsumieren Sie keine News, bevor Sie nicht aufgestanden sind. Klatschen Sie so oft und so viel Sie wollen, um dem Pflegepersonal, den Ärzten und Kassierinnen und all den anderen, die ihre wichtige Arbeit nicht im Home-Office verrichten können, Ihren Dank auszusprechen.

Aber vergessen Sie nicht, sich nach dem Ende dieses Anschlags auf die Normalität dafür einzusetzen, dass noch vor den CEO das Pflegepersonal, die Ärzte und Kassierinnen Spitzenlöhne bekommen.

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