Kommentar

Terror in Halle: Der Verweis auf «Computer-Games» ist ein Ablenkungsmanöver

Nach dem Attentat von Halle in der letzten Woche hat der deutsche Innenminister Horst Seehofer (CSU) behauptet, der Attentäter stamme aus der Gamer-Szene, wo nicht ganz klar sei, was noch Computerspiel, eine Simulation oder eine versteckte Planung für einen Anschlag sei. Antisemitismus und rechtsextreme Gewaltbereitschaft sind aber Probleme, die besonders im Osten der Republik ein politisches Problem sind. Ähnlich wies Präsident Trump nach Attentaten sofort auf die Gamer-Szene, um Forderungen nach strengeren Waffengesetzen zuvorzukommen.

Letzte Woche hat ein 27-jähriger Mann in der ostdeutschen Stadt Halle zwei Menschen vor einer Synagoge erschossen. Gehandelt hat er aus antisemitischen und rechtsextremen Motiven, wie aus einem Manifest bekannt wurde, das er vor der Tat im Internet veröffentlicht hatte.

Am Wochenende meldete sich Innenminister Horst Seehofer (CSU) zu Wort und versuchte, die abscheuliche Tat dadurch zu erklären, dass der Attentäter ein Gamer gewesen sei. Er behauptete, dass viele Täter aus der Gamer-Szene kämen. «Manche nehmen sich Simulationen geradezu zum Vorbild», sagte er. Man müsse genau hinschauen, ob es noch ein Computerspiel, eine Simulation oder eine verdeckte Planung für einen Anschlag sei.

Auch Donald Trump zeigte sofort auf Games, als er nach Erklärungen suchte für zwei Attentate, die sich im August in El Paso und Dayton ereignet hatten und bei denen insgesamt 27 Menschen starben: «Wir müssen der Gewaltverherrlichung in unserer Gesellschaft ein Ende setzen. Das umfasst auch grauenhafte und grausige Videospiele, wie sie heute üblich sind.»

Kurzschluss: Virtuelle Gewalt führt nicht zu realer Gewalt

Damit reaktiveren die beiden alten Herren die sogenannte Killerspiele-Debatte aus den späten Neunzigerjahren, die wir bereits als überwunden geglaubt haben. Dass gewalthaltige Computerspiele zu Attentaten animieren würden, stand im Zentrum der medialen Diskussion nach dem School Shooting in Columbine, bei dem am 20. April 1999 zwei Studenten elf Menschen töteten, ehe sie sich selber richteten.

Denn die beiden jungen Männer spielten den Ego-Shooter «Doom», bevor sie zu den Waffen griffen. Auch bei den darauffolgenden Attentaten – etwa 2002 in Erfurt, bei dem 16 Menschen starben – wurde die Ursache in Computerspielen gesucht. Politiker forderten ein Verbot von «Killerspielen». Die «Süddeutsche Zeitung» schrieb von der «Verdoomung der Republik».

Heute sprechen Politiker Kulturfördergelder für Games und die «Süddeutsche Zeitung» rezensiert Computerspiele im Feuilleton. Der monokausale Schluss – virtuelle Gewalt führt zu realer Gewalt – ist überholt.

Dass junge Männer, die zu Attentätern werden, oft gewalthaltige Games spielen, trifft zwar zu, kann aber nicht verwundern, schliesslich tut das die Mehrheit dieser Personengruppe. Eine dieses Jahr veröffentlichte Studie der Universität Oxford besagt, dass das Spielen von Ego-Shootern nicht zu aggressivem Verhalten führe – selbst bei einem intensiven Konsum nicht. Andere Studien sind weniger eindeutig, ein direkter Zusammenhang lässt sich aber nicht erhärten.

Bereits vor zehn Jahren kamen die Forscher Lawrence Kutner und Cheryl Olson in ihrem Buch «Grand Theft Childhood» zum Schluss, dass die Debatte um gewalthaltige Spiele von anderen, gravierenden Faktoren ablenkt.

Genau das ist der Fall, wenn nun Trump und Seehofer Games wieder an den Pranger stellen. Der US-Präsident, der seinen Wahlsieg auch der Waffenlobby zu verdanken hat, will verhindern, dass striktere Waffengesetze mehrheitsfähig werden. Und Seehofer hat ein Interesse daran, dass das Licht nicht auf die Probleme Deutschlands mit der rechtsextremen Szene fällt, die er als Teil der Regierung mit zu verantworten hat.

Radikale Foren sollten als Chance verstanden werden

Wenn Trump und Seehofer auf Games zeigen, lenken sie auch von einem anderen digitalen Medium ab: von Internetforen wie «4chan». Nicht dass diese für die Attentate verantwortlich wären. Beunruhigend aber ist es, dass sich junge Männer in solchen Foren rechtsradikales Gedankengut aufsaugen können und selbst dann nicht auffallen, wenn sie ein Manifest zu einem geplanten Attentat veröffentlichen.

Solche Foren zu schliessen, wäre aber der falsche Weg. Würde das doch dazu führen, dass radikale Kreise vermehrt auf verschlüsselte Plattformen umsteigen. Offene Foren bieten die Möglichkeit, junge Menschen abzufangen, bevor sie radikalisiert werden – oder zumindest zu stoppen, bevor sie ihre da geäusserten Gedanken in Taten umsetzen. Hier muss man ansetzen.

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