Gastkommentar

Muss die Schule Spass machen?

«Erziehung und Bildung bedeuten wesentlich Führung, liebevolle, aber klare Anleitung», schreibt unser Autor. (Symbolbild/Archiv)

Radikale Bildungsreformer plädieren für «intrinsisches Lernen», ein Lernen nach dem Lustprinzip. Wenn sich Kinder die Lernziele aber selber geben müssen, werden sie damit  überfordert. Denn über diese Autonomie verfügen sie noch nicht.

Was Erziehung und Bildung heute wesentlich beeinträchtigt, sind die Scheinwelten, in denen Kinder und Jugendliche häufig aufwachsen. Konsumtempel, Freizeitindustrie und vor allem die Medien prägen die Lebenswelt der Heranwachsenden so stark, dass sie mit den Notwendigkeiten realen Lebens oft kaum mehr zurechtkommen. Schule und Lernen erscheinen dann als lästige Unterbrechung einer fortgesetzten Unterhaltungskultur und müssen daher mindestens genauso viel Spass machen.

Dazu kommt eine geistige Verunsicherung, die das Bildungswesen zunehmend bestimmt und es widerstandslos macht gegen die nun einsetzenden Rezepte der Radikalreformer. Vermeintliche Mängel, verbunden mit einer gewissen Orientierungslosigkeit innerhalb der schulischen Institutionen, machen viele empfänglich für ihre neuen Heilsversprechen. Wenn ohnehin fast niemand mehr weiss, worum es bei der Bildung eigentlich geht, lauscht man den Schalmaientönen der Reformer umso begieriger.

Sich eigene Lernziele zu setzen, erfordert Autonomie, welche die Kinder nicht haben

Solche Radikalreformer treten zurzeit mit geradezu missionarischem Eifer auf. Sie verkünden, die heutige Schule mit ihrer Vorstellung, dass alle Kinder zur gleichen Zeit das Gleiche lernen, sei veraltet, eine Revolution der Schule sei dringend: Nicht mehr die Lehrer, sondern die Schüler sollen künftig bestimmen, was sie wann lernen wollen. Stundenpläne würden verschwinden. Jedes Kind lege zu Beginn der Woche selber fest, was es lernen möchte. Vielleicht will es mit Hilfe eines Computerprogramms Englischvokabeln üben, vielleicht aber auch nur einige Stunden mit seinem Smartphone verbringen. Eine Lehrperson, welche die Klasse führt und Lernziele setzt, gibt es nicht mehr; sie ist höchstens noch Lerncoach und hat als solche die Aufgabe, die Schüler individuell zu beraten und zu motivieren. Es ist ein Lernen nach dem Lustprinzip, in der Fachwelt «intrinsisches Lernen» genannt.

Das alles hört sich zunächst verlockend an. Denn wer möchte nicht selber bestimmen, was er wann und wie lernen will. Doch die schulische Realität ist eine andere. Die Vorstellung, Schüler würden immer aus eigenem Antrieb lernen, könnten sich eigenständig Lernziele setzen, erfordert eine Autonomie, über die Kinder noch gar nicht verfügen. Wie sollen Volksschüler selbstständig entscheiden, was sie in der Mathematik lernen wollen und was nicht? Sie fühlen sich allein gelassen, was Überforderung und Stress auslöst. Mit Spass oder Lust hat das dann nichts mehr zu tun.

Dazu kommt ein weiteres: Erziehung und Bildung bedeuten wesentlich Führung, liebevolle, aber klare Anleitung. Wo jedoch, wie beim selbstorganisierten Lernen, Lehrpersonen zu reinen Coaches herabgestuft werden, da leidet der persönliche Bezug von Lehrer und Schüler, da bleibt auch der Lernerfolg weitgehend aus.
Der Versuch, den Lehrer durch Computer, Internet und Lernsoftware mehr oder weniger zu ersetzen, muss notwendigerweise scheitern, weil er dem menschlichen Bedürfnis der Lernenden nicht gerecht wird.

Frontalunterricht wäre möglicherweise effizienter als Lernen nach Lustprinzip

Was bei den Radikalreformern auffällt, sind ihre dreisten Behauptungen, ohne dass sie durch Studien belegt sind. So wird etwa behauptet, Schüler würden nur dann motiviert lernen, wenn sie den Eindruck hätten, selbstbestimmt zu lernen. Oder: Vernetztes und selbstorganisiertes Lernen, Unterrichtsformen also, bei denen jeder Schüler nach seinen Bedürfnissen lernen kann, führten zu besseren Leistungen als der bisherige Frontalunterricht. Solche Behauptungen wären erst noch zu beweisen, indem man die Praxistauglichkeit der «revolutionären» und der klassischen Unterrichtsformen einem vergleichenden Test unterzöge. Dann würde sich möglicherweise zeigen, dass der von den Reformpädagogen verteufelte Frontalunterricht im Hinblick auf das Erreichen der Lernziele wesentlich effizienter ist als das Lernen nach dem Lustprinzip.

Keine Frage: Unterrichtsformen gilt es immer wieder auf ihre fachliche und pädagogische Wirkung hin zu überprüfen und den veränderten Bedingungen anzupassen. Das heisst aber nicht, Bewährtes über Bord zu werfen, um fragwürdige, in keiner Weise erprobte Lernformen an seine Stelle zu setzen.

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