Er ist 104 Jahre alt, leidet an verschiedenen Gebresten, sieht und hört schlecht, sitzt im Rollstuhl und ist des Lebens müde. Professor David Goodall will sterben. Jetzt. Nicht erst, wenn seine biologische Uhr von selbst aufhört zu ticken. Denn er empfindet sein langsames Vergehen als «ageing disgracefully», als «schmachvoll alternd», wie auf dem T-Shirt steht, das er bei seiner Abreise im westaustralischen Perth trug. Er hat sich auf den Weg ins Baselbiet gemacht, wo ihn die Biel-Benkemer Ärztin und Sterbehelferin Erika Preisig nächsten Donnerstag in den Tod begleiten wird.

Goodall hätte das diskret tun können. Ganz ohne Aufsehen. Sein Sterben als das sehen, was es ist: der persönlichste und privateste Vorgang im Leben eines jeden Menschen. Doch er nutzte seine Prominenz, die er in Westaustralien als Wissenschaftler geniesst, für eine finale politische Botschaft: Lasst die Freitodbegleitung wieder zu. Diese wurde auf dem roten Kontinent Ende der 90er Jahre verboten. Nur der Bundesstaat Victoria bildet eine Ausnahme, sofern der Sterbewillige todkrank ist. Zusammen mit Exit International, deren Mitglied er seit 20 Jahren ist, macht er darauf aufmerksam. Gemessen am Medienecho mit grossem Erfolg.

Praktisch weltweit wurde über die Geschichte des 104-Jährigen berichtet. «New York Times», «Washington Post», CNN, BBC und viele weitere Zeitungen und Fernsehsender nahmen sich des Themas an. Es ist zu erwarten, dass der Medientross in Basel einfallen wird. Ob es der Sache dienlich ist, wenn unzählige TV-Stationen und Pressefotografen Jagd auf das letzte Bild des greisen Mannes machen, sei dahingestellt. Ebenso, ob sein Gang an die Öffentlichkeit die Politik in Australien und darüber hinaus tatsächlich in Bewegung setzt.

Denn Sterbehilfe ist in vielen Ländern ein Tabu. Selbst in der Schweiz wird sie immer wieder zum Politikum, wenn nicht gar zum Justizfall. Wie jüngst, als die Staatsanwaltschaft Baselland auf Geheiss der Heilmittelbehörde Swissmedic gegen Preisig ein Verfahren eröffnete, weil sie das Sterbemittel Natrium-Pentobarbital (NaP) nicht korrekt bezogen haben soll. In der Zwischenzeit hat sie zwar einen Weg gefunden, welcher der Rechtsinterpretation der Behörden zu genügen scheint, doch ist es sicher nicht falsch, von gezielter Schikane zu sprechen. Zu absurd sind die Vorgaben. Die liberale Gesetzgebung der Schweiz ist eben nicht aus liberalem Geist geboren, sondern aus Zwängen entstanden. Die Widerstände sind nicht gebrochen.
Dass ihn die australischen Gesetze zu einer Reise in die Schweiz zwingen, um selbstbestimmt sterben zu dürfen, hält Goodall für unhaltbar. Zu Recht.

Der lange Flug ist selbst in der 1. Klasse, in die er dank einem Crowdfunding einchecken konnte, ein Stress. In einem fremden Umfeld und umgeben von ihm fremden Leuten in den Tod zu gehen, ist eine Zumutung. Statt seine eigenen vier Wände, wird er als letztes ein Sterbezimmer, gelegen in einem Liestaler Gewerbegebiet, sehen. Das ist, bei aller Würde, die Preisig vermittelt, unwürdig. So unwürdig, wie es der Sterbetourismus ist. Für den Sterbewilligen wie für die Angehörigen, die sich mit tausend Formularen herumplagen müssen, die sich womöglich von der Staatsanwaltschaft behelligt sehen und die Rückführung des Leichnams organisieren müssen. Niemand nimmt diese Tortur auf sich und mutet sie anderen zu, dessen Sterbewunsch nicht übermächtig ist.

Der Tod ist in unserer Gesellschaft sehr unwillkommen. Um die eigene Endlichkeit weiss zwar jeder, doch nur wenige lassen diese Gewissheit Teil ihres Lebens werden. Nur nicht daran denken, nur nicht damit konfrontiert werden. Auch jene, die an einen Gott glauben, und damit an ein ewiges Leben, lassen den Tod nicht in ihr Leben. Nicht, wenn es nicht sein muss. Nicht, bis er plötzlich vor der Tür steht. Es ist das Schicksal, das dann zuschlägt, Gottes Plan, der sich dann erfüllt. Doch wie das Sterben ist der Glaube Privatsache. Niemals dürfen Menschen wie Goodall dazu gezwungen werden, ihrem Tod entgegen zu leiden. Nicht von Gottes Bodenpersonal, nicht von Politikern, die sich auf einen diffusen Wertekanon berufen, aber eigentlich schlicht feige sind. Goodall nimmt sein Schicksal in die eigene Hand. Es ist eine Anmassung, dies nicht zu akzeptieren.

Der grösste Wert menschlichen Daseins ist die Freiheit, die Selbstbestimmung. Das hat nichts mit Egoismus und laisser faire zu tun, sondern mit einer Gesellschaftsordnung, deren Regeln nicht einer Entmündigung gleichkommen. Natürlich braucht auch die Sterbehilfe klare Grenzen. Fehlender Lebensmut, zum Beispiel, kann eine vorübergehende Erscheinung sein. Gegen Depressionen können Therapien helfen. Sterbehilfe ist keine Suizidhilfe. Sie sollte todkranken Menschen vorbehalten sein. Und jenen, die keine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben mehr haben, sei es aus Alters- oder sonstigen Gründen. Menschen wie David Goodall, der neuen Ikone der Freitodbegleitung.