Gastkommentar

Debatte um Sterbeszene bei «Mona mittendrin»: Auch Zuschauer sind Täter

Das SRF zeigte letzte Woche in der Sendung «Mona mittendrin» Aufnahmen eines sterbenden Mannes.

Das SRF zeigte letzte Woche in der Sendung «Mona mittendrin» Aufnahmen eines sterbenden Mannes.

Bei der Debatte um «Mona mittendrin» geht es um die Schuldzuweisung: Wer ist das böse Medium? Wer es zeigt, das SRF? Wer es propagiert, skandaliert und verbreitet, der Blick? Eine wichtige Partei wird allerdings vergessen.

Das SRF zeigte letzte Woche bei «Mona mittendrin» Aufnahmen eines sterbenden Mannes, der Blick griff die Szene in seiner Berichterstattung prominent auf. Wer ist hier der Böse? war die Frage, um die sich die Diskussion drehte. Der Schuld-Ball wurde zwei Parteien zugeworfen. Die eine hat die Kamera auf das Geschehen gerichtet und ausgestrahlt, die andere hat mit dem Skandal die Titelseite gefüllt. Doch die wichtigste Partei in diesem Spiel schaute aus der Ferne zu.

Wir sind die Zuschauer, das Publikum. Für uns wurde mit der Kamera draufgehalten. Und wir sind längst nicht so passiv, wie wir glauben wollen. Wir wollen das Drama sehen, zuschauen, gaffen. Wir sind die auf der Tribüne, die von den Gladiatoren in der Manege verlangen, immer einen Schritt weiterzugehen. Noch krasser, noch blutiger, noch wahnsinniger. Unsere abgehärtete Seele reagiert nicht mehr auf das geschriebene Wort. Sie muss sich von Bildern erschüttern lassen. Auch über Kriege kann man nicht nur schreiben. Kriege muss man zeigen.

Dass Gaffen hierbei ein natürlicher Instinkt ist, schützt uns nicht. Die Tatsache, dass wir es offensichtlich nicht schaffen, unseren Gaff-Zwang zu bändigen, ist unser gesellschaftliches Armutszeugnis. Wie viele haben kopfschüttelnd auf das Video unter der Schlagzeile geklickt, weil das geschriebene Wort nicht genug war?

Während sich das SRF und der Blick also zurecht mit harter Kritik konfrontiert sehen, bleiben wir verschont. Noch schlimmer: Wir schreien schockiert mit auf. Als hätte das alles mit uns nichts zu tun. Als sei das alles über unseren Willen hinaus geschehen. Wir solidarisieren uns mit den Betroffenen und fühlen uns moralisch, weil wir die Kamera nicht gehalten haben. Dabei haben wir doch hingeschaut.

Wir geilen uns an der Sensation auf. Genauso halten wir es mit beeindruckenden und waghalsigen Social-Media-Aufnahmen. Das Wissen, dass sich der Abgebildete für den Schnappschuss in Lebensgefahr gebracht hat, macht das Gucken gleich spannender. Und wer fährt am Strassenstrich nicht auch plötzlich etwas langsamer an den armen Frauen vorbei? Oder denkt nur eine halbe Sekunde darüber nach, wie spektakulär es ausschauen würde, wenn Freddy Nocks nächster Schritt am Seil vorbeiginge?

Warum gaffen wir unter der falschen Annahme, dass unsere Schaulust keinen Preis hat? Dass man nur schmutzige Hände hat, wenn man sie auch aus eigener Kraft in den Dreck drückt?

Die Psychologie unterscheidet zwischen «guter» und «schlechter» Schaulust. Die gute hängt mit unserem Überlebensinstinkt zusammen. Wir wollen die vermeintliche Gefahr sehen, um sie für unsere eigene Sicherheit verstehen zu können. Zudem wollen wir eine gefährliche Situation analysieren, um daraus etwas für unser Überleben zu lernen. Es erklärt sich von selbst, um welche Form der Schaulust es sich bei «Mona mittendrin» handelte. Wir sind getrieben von Neugier, für die jemand den Preis zahlen muss oder bereits bezahlt hat.

Doch es sind nicht alle schaulustigen Menschen Juristen oder Journalisten geworden. Nur ein ganz kleiner Teil unserer Gesellschaft setzt sich mit diesem Instinkt professionell auseinander. Gaffen ist in der Schweiz eine Straftat, wenn es die Hilfeleistung behindert. Wer aber auf Papier und auf einen Bildschirm gafft, der tut das ganz legal. Ist es deshalb richtig?

Ich möchte die Verbreiter der Bilder nicht aus der Verantwortung nehmen. Sie sind in diesem Beispiel die Dealer, wir die Süchtigen. Es ist richtig, dass der Dealer schwerer bestraft wird als der Junkie. Aber wir haben als Gesellschaft definitiv ein Sucht- und Verhaltensproblem. Und solange wir an der Nadel hängen, wird sich in irgendeiner dunklen Gasse immer wieder jemand finden, der uns mit Stoff versorgt.

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