In Berns Westen, mit dem Velo. Den Rand einer grossen Industriebrache bildet ein hölzerner Zaun, der entlang der Bahnstrasse, dem Warmbächliweg und der Freiburgstrasse führt und einem die Sicht auf das garstige Gelände erspart. Dereinst soll hier, wo früher die städtische Kehrichtverbrennungsanlage stand, ein kleines Wohnquartier gebaut werden. Auf diesem Zaun sind beim Vorbeifahren zwei mit schwarzer Farbe gesprayte Merksätze erkennbar, welche unweigerlich die Gedanken beflügeln.

Steht doch da geschrieben: UNSERE TRÄUME SIND GRÖSSER ALS EURE URNEN. Wie muss man das verstehen? Aus politischer Sicht hat die Grösse einer Urne nichts mit der Frage auf dem Stimmzettel zu tun. Vielleicht meint der Sprayer, seine Träume einer gerechten Ordnung hienieden würden die direkt-demokratische Kapazität sprengen. Dabei regelt doch unser System der Volksabstimmungen nicht nur den Rückbau eines umweltschädlichen Müllbrenners, sondern auch seinen Ersatz durch eine – traumhaft schöne – Wohnsiedlung im Grünen. Mit Kinderspielplatz und Seniorenheim. Mit öV-Erschliessung und Grün- sowie Erholungsräumen, wo auch das «urban gardening» eine Rolle spielen darf. Letzteres hat wohl den Ausschlag gegeben, damit die von den Stadtbehörden eingesetzte Jury dem Projekt «strawberry fields» eines Zürcher Architekten den 1. Preis verleihen konnte. Was will man noch mehr und grösser träumen? Das Erdbeeren-Projekt wurde in der Gemeinde-Abstimmung vom 17. Juni 2012 deutlich angenommen.

Fährt man allerdings die Strasse weiter in Richtung Bern-Zentrum, führt der Weg an einer hohen, teilweise überwachsenen Mauer vorbei. Dahinter befindet sich der Bremgarten-Friedhof und weiter vorne sind die Umrisse des Krematoriums zu erkennen. Falls der Sprayer mit seinem rätselhaften Satz gar nicht die Wahl- oder Abstimmungsurnen, sondern die Bestattungsurnen mit seiner Inschrift gemeint haben sollte, so wären wir dann definitiv im transzendentalen Spektrum angelangt. Was ist, so betrachtet, grösser als eine Urne? Die Ewigkeit natürlich. Oder, naheliegender und bezogen auf das gewerbliche Bestattungsangebot: ein Familiengrab.

Weiter mit dem Velo auf dem Warmbächliweg, entlang dem süd-westlichen Teil des Zauns. Hier ist eine Metapher in derselben Schrift angebracht worden. Sie lautet: WÜRDEN WAHLEN ETWAS ÄNDERN, WÄREN SIE VERBOTEN.

Aha, da hat er mehr oder weniger Kurt Tucholsky kopiert. Dennoch, im Superwahljahr 2016/17 müsste der Spruch nichts weniger denn brandaktuell sein. Aber gilt er wirklich noch, nach dem Ergebnis der US-Präsidentschaftswahlen und vor dem zweiten Wahlgang in Frankreich? Marine Le Pen würde mit den Islamisten, den Terroristen, dem Euro und der EU gehörig aufräumen. Emmanuel Macron hingegen hat schon mal mit seiner Bewegung En marche! das herkömmliche Parteiensystem an die Wand getrampelt. Zudem ist er bekannt geworden durch seine Sprüche. Etwa den: «Wenn ich arbeitslos wäre, würde ich nicht auf die Hilfe der andern warten. Ich würde versuchen, mich durchzukämpfen.» Oder den: «Es braucht junge Franzosen, die Lust haben, Milliardäre zu werden.»

Und in Amerika: Ist dort mit Donald Trump etwa alles beim Alten geblieben? Da ist doch politisch kein Stein mehr auf dem andern. Drinnen im Weissen Haus unterzeichnet Trump laufend Verordnungen, um die bisherige US-Politik zu verändern. Während draussen Tausende gegen ihn demonstrieren und protestieren. Er ist gewählt worden, um alles zu ändern. Und jetzt will man es ihm verbieten. Die Wahlen verbieten wäre hier vielleicht besser gewesen.

Velofahren kann gefährlich sein. Die Gedanken kümmern sich, statt um den Verkehr, um die Ursprünge und Hintergründe von Sentenzen auf einem Zaun. Wer bringt die realen Wirkungen von Abstimmungen und Wahlen dergestalt auf den Punkt? Was hat er oder sie sich dabei gedacht? Schon nur die Buchstabengrösse ist so gewählt, dass eigentlich nur Velofahrer diese Weisheiten mitbekommen. Fussgängerinnen auf dem Trottoir sind zu nah dran und Autofahrer sind zu schnell dran vorbei. Vor lauter Denken vergisst man auf dem Velo das fundamentale Prinzip des Kreisverkehrs: den Vortritt der im Kreisel rasenden Autos. Der Mann am Steuer, der mich beinahe überfährt, denkt sich dabei rein gar nichts. MEHR GLÜCK ALS VERSTAND wäre mein Satz auf dem hölzernen Zaun.