Das Akademische liegt im Trend. Kaum ein anderer Begriff erfreut sich einer solch grossen Verbreitung in der öffentlichen Debatte. Ein Blick in die Tageszeitungen verrät beispielsweise, dass 42 Prozent der Erwerbstätigen in der Schweiz über einen Hochschulabschluss verfügen (CH Media) oder dass die Schweiz «ein Volk von Akademikern» sei («Blick»). Nach Meinung von alt Bundesrat Blocher sind die in den Städten dominierenden Hochschulabsolventen schuld am Scheitern der SVP-Selbstbestimmungsinitiative. Hinsichtlich der Bundesratswahlen stellt Peter V. Kunz, Kolumnist der CH Media und Wirtschaftsrechtler, fest, dass bei einer Wahl von Karin Keller-Sutter die Mehrheit des Bundesrates «erstmals aus Nichtakademikern» besteht. Das alles ist Grund genug, sich grundsätzlich mit dem Begriff des Akademischen auseinanderzusetzen.

Akademiker oder Akademikerinnen sind Absolventen einer Hochschule und gehören zur Gemeinschaft der Wissenschafter. In der Schweiz gibt es zwei Hochschultypen: Fachhochschulen und universitäre Hochschulen (Uni/ETH). Diese bilden die Tertiärstufe A. Ihre Lehre basiert auf angewandter oder grundlegender Forschung. Die erfolgreichen Absolventen erhalten einen akademischen Titel: Bachelor, Master oder das Doktorat. 2015 wurden 57 104 solche Abschlüsse verteilt, was einem Anteil von 28 Prozent entsprach.

Daneben gibt es den berufsbezogenen Bildungsweg, die sogenannte Tertiärstufe B. Hier handelt es sich um arbeitsmarktorientierte Qualifikationen, welche im Rahmen der Höheren Berufsbildung absolviert werden. Das können eidgenössische Prüfungen oder Diplome von Höheren Fachschulen in allen erdenklichen Berufen der Schweiz sein. Diese Ausweise werden vom Arbeitsmarkt enorm geschätzt. Absolvierende von Höheren Fachschulen der Pflege brauchen beispielsweise nur eine minimale Einführungszeit von zwei, drei Monaten in neuen Betrieben, wohingegen Absolvierende der Pflege an Fachhochschulen, welche besonders in der Westschweiz stark verbreitet sind, erfahrungsgemäss bis zu einem Jahr Einführungszeit benötigen. Lehrgänge der Höheren Berufsbildung richten sich konsequent am Arbeitsmarkt aus. Der Arbeitsplatz ist, wie in der Grundbildung auch, gleichzeitig Lern- und Reflexionsort. 2015 betrug ihr Bildungsanteil 14 Prozent bzw. 27 942 Diplome.

Im Bildungsbericht der Schweiz 2018 werden die Tertiärabschlüsse gemäss der Internationalen Standardklassifikation des Bildungswesens (International Standard Classification of Education ISCED) dargestellt. Diese wurde Anfang der 1970er-Jahre von der Unesco entwickelt. Ziel war es, einen einheitlichen Rahmen zur Klassifikation der länderspezifischen Bildungssysteme zu erstellen, um die Vergleichbarkeit zu verbessern. Als Konsequenz davon werden statistisch alle Tertiärabschlüsse gemeinsam und ohne Unterscheidung ausgewiesen. Etwas vereinfacht ausgedrückt, entsprechen die ISCED-Stufen 6 dem Bachelor oder der Berufsprüfung, die Stufe 7 dem Master oder der Höheren Fachschule und die Stufe 8 dem Doktorat oder der Höheren Fachprüfung. Durch diese erzwungene Vergleichbarkeit verwässert sich leider die Aussagekraft der Bildungsstatistik. Zwar liegt der Anteil der Bildungsabschlüsse auf Tertiärstufe bei 42 Prozent aller Erwerbstätigen, aber nur zwei Drittel davon sind akademische Abschlüsse.

Eine Unterscheidung in akademische und nichtakademische Bildungsabschlüsse ist in vielerlei Hinsicht notwendig und nützlich. Laut Schweizerischer Arbeitskräfteerhebung SAKE liegt das Arbeitslosenrisiko der Höheren Berufsbildung am tiefsten und ist nur halb so gross wie bei Universitäten. Neben der fachlichen Qualifikation steigen die Erwartungen der Unternehmen an die Soft Skills bei ihren Mitarbeitenden. Laut einer ETH-Studie lassen sich Eigenschaften wie Belastbarkeit, Durchsetzungsfähigkeit, Freundlichkeit und Vertrauenswürdigkeit am besten am Lernort Arbeitsplatz entwickeln. Der Lernort Schule punktet dafür bei analytischem Denken, Lernfreude und Organisationsfähigkeit. Diese Beispiele zeigen, dass es sinnvoll ist, Ausbildungsprofile zu unterscheiden und ihre Stärken und Schwächen zu analysieren. Dies hilft beispielsweise der Politik, die Bildung sinnvoll zu steuern.

In der Bundesverfassung steht wörtlich, dass Bund und Kantone sich «bei der Erfüllung ihrer Aufgaben dafür einsetzen, dass allgemein bildende und berufsbezogene Bildungswege eine gleichwertige gesellschaftliche Anerkennung finden». Wenn nun landauf, landab von einer Akademisierung der Gesellschaft gesprochen wird, ist das höchst problematisch und läuft den Bestrebungen unserer Verfassung diametral entgegen. Eine gleichwertige gesellschaftliche Anerkennung kann nur erfolgen, wenn wir Akademisches von Nichtakademischem unterscheiden können und beides schätzen lernen.