Letztes Jahr noch stieg Jeff Bezos, der Chef von Amazon, mit einer Flasche Champagner auf ein hundert Meter hohes Windrad und feierte so die Eröffnung eines eigenen Energieparks in Texas. Eine Drohne filmte alles medienwirksam.

Amazon ist längst nicht mehr einfach ein Online-Buchladen, sondern dringt systematisch in so ziemlich jeden Markt vor: Video-Streaming, Cloud-Computing, smarte Gadgets, Raumfahrt, Detailhandel – und eben auch erneuerbare Energien. Kaum etwas, das der Mega-Konzern auslässt. Zeitweise knackte der Börsenwert der Firma die Billiarde-Dollar-Marke. Amazon übersteigt noch immer das Bruttoinlandprodukt der Schweiz, das 2017 bei 679 Milliarden Franken lag, und ist damit mehr wert als alle Güter und Dienstleistungen, die das Land in einem Jahr produziert hat.

Die Champagner-Laune dürfte Jeff Bezos mittlerweile vergangen sein. Seit Anfang Jahr ist die Aktie um 25 Prozent gefallen. Der Negativtrend zeigt sich auch bei den anderen grossen Tech-Firmen, den sogenannten FAANG-Unternehmen. Das Akronym steht für Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Google. Alle haben sie mindestens 20 Prozent an Wert verloren – Facebook sogar fast 40 Prozent.

2018 ist das Jahr des «Techlash», des «Rückschlags» für die Technologie-Unternehmen. Lange war die Gesellschaft fasziniert von den neuen digitalen Welten und zauberhaften Gadgets. Nun weicht die Euphorie der Skepsis, und die FAANG-Konzerne werden an den Pranger gestellt: wegen süchtig machender Apps, fehlenden Datenschutzes und undurchsichtiger Steuertricks.

Apple vs. Facebook: Tim Cook greift Mark Zuckerberg an

Bisher kämpften die amerikanischen Tech-Konzerne Seite an Seite gegen die Politik der Regulierung aus Europa und gegen die wirtschaftliche Konkurrenz aus China. Nun bröckelt die Allianz; in der Krise will sich jeder selber retten. Das liegt auch daran, dass die FAANG-Konzerne zwar als gemeinsames Feindbild für die negativen Einflüsse der Technologie auf unsere Gesellschaft taugen, ihre Geschäftsmodelle aber doch sehr disparat sind. Insbesondere zwischen Facebook und Apple hat sich ein Graben geöffnet.

So hat Apple-CEO Tim Cook diese Woche in einem Interview mit US-Medien Facebook frontal angegriffen. Er sei zwar ein Freund der freien Marktwirtschaft, glaube aber, dass die US-Behörden nicht darum herumkämen, soziale Netzwerke zu regulieren. Zuvor schon lobte Cook ausdrücklich die Datenschutzgrundverordnung der EU, die den Nutzern mehr Macht gibt – und die Facebook, aber auch Google bis zuletzt bekämpft haben. Ebenso kritisiert er das grösste soziale Netzwerk für den Datenschutzskandal rund um die dubiose Firma Cambridge Analytica von vergangenem Frühling. Facebook konterte mit einer diffamierenden PR-Kampagne gegen Cook.

Der Grund für die Verhärtung ist klar: Apple verdient sein Geld mehrheitlich mit dem Verkauf von (überteuerten) Gadgets, Facebook mit personalisierter Werbung. Während Zuckerberg für sein Geschäft auf einen möglichst freien Umgang mit Nutzerdaten angewiesen ist, inszeniert sich Cook als edlen Ritter des Datenschutzes und hofft so, bei der Gesellschaft punkten zu können. Ganz abnehmen will man ihm allerdings sein Gebaren nicht. So ist etwa auf den iPhones die Google-Suchmaschine vorinstalliert, Google aber punkto Datenschutz kaum besser als Facebook. Der Deal soll Apple allein im Jahr 2017 neun Milliarden eingebracht haben.

Apple selbst hingegen hat damit zu kämpfen, dass die Bevölkerung allmählich mit iPhones gesättigt ist – und sich die Preise nicht ins Unermessliche hochschrauben lassen. Das neueste Premium-Gerät, das iPhone XS Max, kostet in der teuersten Version über 1700 Franken. Da die Geräte schlechter laufen als gedacht, musste Apple die Produktion drosseln. Keine guten Zeichen.

Chinas Chance bei den Technologien der Zukunft

Wie rasant die Talfahrt der FAANG-Konzerne weitergeht, hängt in erster Linie aber von den Nutzern ab – und ihrem Willen, auf andere Dienste auszuweichen, die den Nutzerdaten mehr Sorge tragen. Allen voran Google und Facebook brauchen diese Daten. Nicht nur, um im Werbegeschäft Geld zu verdienen, sondern auch, um ihre Dienste zu verbessern. Gerade für das sogenannte maschinelle Lernen, der neuste Trend in der Tech-Branche, ist ein grosser Fundus an Daten zentral. Würde die amerikanische Regierung zu hart regulieren, könnten die US-Konzerne gegenüber den chinesischen Tech-Riesen ins Hintertreffen geraten.

Nachdem Jeff Bezos längst von seinem hohen Windrad gestiegen ist, würden die nächsten Champagnerkorken dann in Shenzhen bei Tencent und in Hangzhou bei Alibaba knallen.

raffael.schuppisser@schweizamwochenende.ch