Fast fünf Stunden haben die Delegierten am SPD-Parteitag debattiert. Parteichef Martin Schulz musste sich unschöne Kritik gefallen lassen. Doch am Ende stellte sich das Gros der Delegierten mit recht dünner Mehrheit von 56 Prozent hinter den Wunsch der Parteispitze: Ab Montag kann die SPD mit der Union von Kanzlerin Merkel Gespräche über eine künftige Bundesregierung führen.

Das knappe Votum zeigt die Zerrissenheit der SPD. Lust auf ein neuerliches Regierungsbündnis mit CDU und der bayerischen CSU verspürt so gut wie niemand in der Partei. Zumal die Resultate aus den Vorgesprächen darauf schliessen lassen, dass von der künftigen Bundesregierung keine visionäre Politik zu erwarten ist. Schlechte Aussichten für die SPD, die in den letzten zwanzig Jahren die Hälfte ihrer Wählerschaft verloren hat und sich nach dem Debakel im September darauf verständigt hatte, sich in der Opposition erneuern zu wollen. Die Gefahr ist da, dass die Wähler die SPD erneut abstrafen werden, wenn sie es auch dieses Mal nicht schafft, ihre verloren gegangene Kernklientel zurückzugewinnen.

Die Delegierten haben Deutschland vor Neuwahlen bewahrt – zumindest vorerst. Die 440'000 Parteimitglieder können dem Koalitionsvertrag mit Merkel im März aber immer noch eine Abfuhr erteilen. Am Ende wird nämlich auch das einfache SPD-Mitglied Ja oder Nein stimmen dürfen, per Briefwahl im Geheimen. Das Gespenst von Neuwahlen ist also noch nicht verscheucht. Die SPD-Spitze muss gut verhandeln, um die Basis auf ihre Seite zu ziehen. Weder Merkel noch Schulz haben ihre Regierungsposten auf sicher.