Ferienzeit. Reisezeit. Und, weil Reisen bildet, eine gute Gelegenheit, jene Weltregionen zu besuchen, in denen die Menschen am glücklichsten sind. Vielleicht lässt sich ja durch einfache Beobachtungen etwas lernen, das auch anderswo – vielleicht sogar in der Schweiz – helfen könnte, zufriedener zu werden mit sich selber und mit dem Land, in dem man lebt. 

Weit braucht man von Hamburg nicht zu fahren, um in die Länder des Glücks zu gelangen. Sie liegen alle in der nahen Nachbarschaft. Denn in Skandinavien sind die Menschen am zufriedensten. Nach dem Weltglücksbericht 2018 der Columbia-Universität stehen Finnland, Norwegen, Dänemark und Island an der Spitze – vor der Schweiz und den Niederlanden. Was machen die Nordlichter so viel besser als der Rest der Welt, dass sie glücklicher sind als anderswo?

Sehr viele Kinder und junge Eltern

Sitzt man ganz einfach so und ganz und gar ohne wissenschaftliche Absicht in den Strassencafés in Kopenhagen, Helsinki oder Oslo, fällt eines auf: Es gibt sehr viele Kinder und sehr viele junge Eltern. Und für Schweizer Augen noch bemerkenswerter: Offensichtlich haben die nordischen Kinder nicht nur Mütter, sondern auch Väter, die sich mit ihnen in der Öffentlichkeit zeigen. Könnte in dieser simplen Beobachtung etwas dran sein, das mit zum Glücksempfinden der Skandinavier beiträgt? Sind Menschen glücklicher, wenn sie in jungen Jahren Eltern werden? Und macht «Zeit für Kinder zu haben» in besonderem Masse Väter zufrieden(er)?

Zuerst einmal ein kurzer Check, ob die anekdotischen Reiseerfahrungen mit den gängigen Statistiken in Einklang sind. Ja, sind sie. Durchschnittlich haben 100 Frauen in der Schweiz 152 Kinder, in Finnland sind es 160, in Island und Norwegen 170, in Dänemark 180 und in Schweden sogar 190 Kinder. In der Schweiz ist die Anzahl der jungen Mütter stark rückläufig. Lag das Durchschnitts-alter der (verheirateten) Mütter bei der Geburt des ersten Kindes 1970 noch bei leicht über 25 Jahren, stieg es bis zur Jahrhundertwende auf 29 Jahre und erreicht heute fast 31 Jahre. Und Schweizer Väter sind noch älter als die Mütter. Bei der Mehrheit der Lebendgeburten sind die Väter älter als 35, und jeder fünfte Vater ist sogar 40-jährig oder älter.

In Skandinavien warten zwar Frauen auch immer länger, bis sie Mütter werden. Dennoch sind sie bei Geburt des ersten Kindes wesentlich jünger als in der Schweiz. Isländische Frauen werden mit 27 Jahren, finnische und norwegische mit etwas weniger, schwedische und dänische mit etwas mehr als 29 Jahren erstmals Mutter. Und auch die Väter sind in Skandinavien jünger als in der Schweiz (nämlich 31,5-jährig). Fairerweise ist allerdings darauf zu verweisen, dass es ein beträchtliches Stadt-Land-Gefälle gibt und in den Zentren die Eltern deutlich älter sind als in der Peripherie.

Väter nutzen Elternzeit

Bleiben ein paar Fakten zur Rolle der Väter in Skandinavien. Gleichberechtigung ist ein Eckpfeiler nordischer Gesellschaften. Frauen und Männer sollen gleichermassen Eltern sein und Zeit mit ihren Kindern verbringen können. Dafür wird vom Staat mit Steuergeldern und Gesetzen eine Menge getan. So gibt es für Mütter und Väter einen absolut identischen Anspruch auf bezahlte Elternzeit am Arbeitsplatz von bis zu 480 Tagen (in Schweden), der in Schweden mittlerweile rund zu einem Viertel von Männern wahrgenommen wird. Insgesamt und für mehr oder weniger lange Perioden beanspruchen rund 85 Prozent der schwedischen Väter die Elternzeit.

Vor allem aber nutzen die jungen Väter zunehmend die mit der Digitalisierung einhergehenden neuen Möglichkeiten, die täglichen Arbeitszeiten zu flexibilisieren. So wird in Skandinavien mehr und mehr populär, den Arbeitstag nachmittags zu unterbrechen, um Zeit mit der Familie zu verbringen. Gehalt und Karriere spielen nicht mehr jene nahezu monopolistisch dominante Rolle wie in früheren Zeiten. Vielmehr streben junge Eltern in Skandinavien eine als optimal empfundene Work-Life-Balance an, die ihnen ermöglicht, beides zu sein, glückliche Eltern und erfolgreiche Berufsleute – selbst wenn sie dadurch vielleicht weniger materielle Einkünfte haben.

Ganz offensichtlich macht eine gesunde Mischung von Arbeits- und Freizeit die Menschen besonders glücklich. Vielen wird selbstbestimmte Zeit mit der Familie wichtiger als Geld. Ob diese Erkenntnis aus Skandinavien nicht auch in der Schweiz gültig ist?