Kommunikation

Wut, Empörung, Angst: Die drei Grundpfeiler unseres Austauschs im Internet

Hass spielt in den Sozialen Medien eine grosse Rolle.

Hass spielt in den Sozialen Medien eine grosse Rolle.

Reeto von Gunten ist selbstständiger Autor und Künstler, mit seinen Lesungen schweizweit auf Kleinkunstbühnen unterwegs und die Stimme des Sonntagmorgens auf SRF3. In seiner heutigen Kolumne schreibt er über unreflektiertes Luftablassen.

Der Satz: Man wird ja wohl noch sagen dürfen, was man denkt – meist als eine Art Anhängsel verwendet, als Unterschrift unter eine vermeintlich besonders prägnante Aussage – ist nichts als eine faule Ausrede. Für Menschen, die behaupten, dass sie sagen würden, was sie denken, liegt das Denken nämlich selten im Vordergrund. Meistens haben sie nicht einmal etwas zu sagen – sie reden bloss.

Hören Sie sich einfach mal um: Wer sein Recht auf Äusserung eigener Gedanken einfordert, dessen geäusserte Gedanken sind oft kaum den Ausdruck Gedanken wert. Und wenn, handelt es sich selten um die eigenen. Was mit «Man wird ja wohl noch sagen dürfen, was man denkt» erklärt wird, ist wenig durchdacht und nie neu. Nein, es ist die Unterschrift der gedankenlosen Nachplapperer. Ist ja auch praktisch, weil der, der sagt, was er denkt, eben gerade NICHT zu denken braucht. Er braucht lediglich rauszuhauen, was ihm so durchs Kurzzeitgedächtnis fliegt. Ungefiltert und rücksichtslos. Niemanden kümmert, was oder wie etwas gesagt wird, Hauptsache, man sagt es sofort und vor allem: so laut wie nur irgendwie möglich. Weil man sonst ja nicht gehört wird.

Die drei Grundpfeiler unseres Austauschs im Internet

Dazu gibt es extra Plattformen: um unreflektiert angestaute Luft abzulassen und die eigenen Unzulänglichkeiten mit Filtern zu kaschieren – oder eben mittels Multiplikations-Verstärker ins World Wild Web zu trompeten. Und während wir uns im gegenseitigen Aufmerksamkeitswettstreit in immer abwegigere Sphären hochschaukeln, sitzen die Betreiber der entsprechenden Portale gemütlich dort, wo all das Werbegeld hinfliesst, das generiert wird, während wir uns gegenseitig unsere inhaltslose Meinung geigen. Wenn Zuckerberg den Algorithmus von Facebook ändert, wie er das gerade wieder getan hat, dann deshalb, weil die Plattform «emotionalisiert» werden soll. Das macht Sinn, denn der Mensch ist so getaktet, dass er auf grosse Gefühle anspringt. Ergo verbringt er dort am meisten Zeit, wo die stärksten Emotionen geweckt werden – und die unwiderstehlichsten aller Gefühle, das kann man in jedem Social-Media-Handbuch nachlesen, sind Wut, Empörung und Angst. Die drei Grundpfeiler unseres Austauschs im Internet. Wo sie zu Hause sind, werden die grössten Gefühle und damit das grosse Geld gemacht. Und was tun wir? Wir stimmen in den Kanon ein.

Weil niemanden mehr zu kümmern scheint, wie und was er sagt, sondern nur, dass es gesagt wird, wird abgefeuert, was am meisten Reaktionen bewirkt. Ohne auch nur einen Milligedanken daran zu verschwenden, aus welcher Position heraus man etwas vor sich her salbadert oder was der abgesonderte Schlick wohl bewirken könnte beim Gegenüber, werden Sexismus, Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung verbreitet, als wären es nachahmungswerte Tugenden. Wir haben uns an Äusserungen, Formulierungen und Bemerkungen gewöhnt, die wir vor kurzem noch mit blanker Empörung quittiert hätten. Und manchmal, ohne es zu wollen, machen wir vielleicht sogar mit. Schliesslich tun’s alle, und was Trump kann, können wir schon lange. Da kommt all der Hass her, er kommt von uns. Bloss heisst er nicht so, sondern UGC, User Generated Content. Als hätte all dieses Geschwurbel auch nur im Entferntesten irgendetwas mit Inhalt gemeinsam.

Je mehr Wut verbreitet wird, desto mehr verdienen Facebook und Co.

In den sozialen Netzwerken (mit «sozial» haben die ja überhaupt nichts zu tun) wird sich in Zukunft nichts an diesem Zustand ändern, im Gegenteil: Sie leben davon. Je mehr Wut, Empörung und Angst verbreitet werden, desto mehr Geld verdienen Facebook und Co. Und je mehr Zeit wir auf diesen Portalen verbringen, desto unmittelbarer tragen wir zu diesem Wachstum bei. In beiderlei Hinsicht: Mehr Hass für uns, mehr Geld für Zuck. Grund genug, den Spiess umzudrehen, würde man meinen. Oder komplett auszusteigen. Doch das Internet birgt ein enormes Suchtpotenzial – Sie wissen haargenau, wovon ich spreche –, die Folgen für Gesellschaft und Demokratie sind kaum abzu- und ganz bestimmt nicht zu unterschätzen.

Es gibt nur einen Ausweg: Wir müssen so schnell wie möglich zu Nächstenliebe und Respekt zurückfinden. Sonst sind wir verloren. Das ist kein Versuch, Angst zu machen: Das ist, was ich denke.

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