Kolumne

Wort in Mode: Was ist ein «Narrativ»?

«Narratives Gemälde» im Kurbrunnen – oder wie?

«Narratives Gemälde» im Kurbrunnen – oder wie?

Ein Wort ist in Mode gekommen: das Narrativ. Vielleicht hat man es bemerkt und sich gewundert oder es überlesen. Eine Kolumne zur alten Erzählung im neuen Wortkleid – und zur Lust, mit Dreh zu erzählen.

Ein Wort ist in Mode gekommen: das Narrativ. Vielleicht hat man es bemerkt und sich gewundert oder es überlesen.

So ist, um nur gerade drei Pressebeispiele der jüngsten Zeit zu nennen, von sich «konkurrierenden Narrativen» für und gegen den Brexit die Rede gewesen.

Oder es wird «ein neues Narrativ» für das Verhältnis der in der Schweiz lebenden Dauerausländer verlangt.

In Analysen der deutschen Landtagswahlen vor zwei Wochen wurde gesagt, bestimmte Narrative seien von den Parteien mit oder ohne Erfolg eingesetzt worden. 

Narrativ wird, weil Modewort, mehrheitlich zur Bezeichnung von Dingen verwendet, die es schon gab, aber anders benannt wurden: als Erzählung, Darstellung, Begründung, Rechtfertigung.

Inflationär verwendet, kann bald in jeder zusammenhängenden Äusserung ein Narrativ gesehen werden – wie ja fast alles auch Diskurs ist.

Im Englischen und Französischen gehört das Narrativ sozusagen zum Wortschatz, im Deutschen dagegen wird mit dem Einsatz dieses Fremdwortes nach etwas Höherem gegriffen. 

Mit dem Höheren wird zum Ausdruck gebracht, dass man Geschichten meint, die einleuchtenden Sinn offenbaren und darum mehr leisten als gewöhnliche argumentative Plädoyers, weil sie mit einer einleuchtenden Erzählung zu überzeugen versuchen.

Darum greifen Werbefilme für Kaffeekapseln oder anderes ebenfalls immer mehr zu Kleingeschichten.

Diese Berichte – oder eben Narrative – sollen und können für unser Verhalten wegleitend sein.

Sie können mündlich oder schriftlich sein. Doch das Schriftliche ist als Narrativ dann gut, wenn es in der Nähe der mündlichen Sprache ist, denn das Mündliche ist doch die Urform der Kommunikation. 

Nicht erstaunlich, dass in Kommentaren zu den kürzlich erschienenen Geschichten zur Schweizer Geschichte (Thomas Maissen, André Holen-stein, Jakob Tanner) auch gefragt wird, welche Narrative uns da vorgesetzt werden.

Damit kann ein handwerklicher Aspekt gemeint sein: die Frage, wie der Stoff vermittelt wird – packend und anschaulich oder langweilig und mühsam.

Wichtiger ist jedoch die inhaltliche Frage nach dem Grundverständnis und dem Überzeugungsmuster, das der Erzählung (dem Narrativ) zugrunde gelegt wird: die Schweiz als Erfolgsgeschichte, die Schweiz als eine Geschichte, die sich von Krise zu Krise schleppt, die Schweiz als ein Land, das seiner Mission treu bleibt oder von aussen bestimmt ist.

Geschichte kann nicht beliebig erzählt werden. Doch eine bestimmte Akzente setzende «Lektüre» der Vergangenheit und ein entsprechendes Nacherzählen sind immerhin möglich – und auch üblich.

Wenn wir auf das Narrativ achten, dann beachten wir auch, dass das Vorgesetzte das Resultat einer getroffenen Auswahl ist, einer eingenommenen Perspektive, einer gewählten Vermittlungsweise. So können wir hinter den Botschaften auch die Absichten der Botschafter erkennen.

Dass man Absichten hat, dazu darf man und soll man stehen. Andreas Müller, Vizedirektor von Avenir Suisse, hat zum Beispiel eine solche. Er möchte, dass die Schweizer Geschichte vermehrt als ein Narrativ eingebracht wird, das die Schweiz als Land in Bewegung zeigt, als lern- und wandelfähiges Land. Und er will mit einer «liberalen Erzählung» und der Hervorhebung der historischen Offenheit dazu beitragen, dass die Schweiz «die Zukunft noch vor sich hat». Das wird ein bestimmtes Narrativ sein neben anderen, schon bestehenden oder erst noch zu entwerfenden. Während früher eine offiziöse Geschichte als Meistererzählung bzw. als Masternarrativ dominiert hat (etwa mit «Morgarten» als Verständnisschlüssel der Schweiz), läuft heute ein Wettbewerb unter mehreren Narrativen. Aus dieser Konkurrenz wird aber nicht zwingend das richtige Narrativ dominieren, sondern dasjenige, das mit der grösseren Überzeugung vorgebracht und angenommen wird. 

Man wird sehen, was die Geschichte mit sich machen lässt, ob andere uns dieses Narrativ abnehmen. Die Hervorhebung der lernenden Schweiz ist ja kein willkürlich gewählter Zugang (um für einmal nicht Narrativ zu sagen), sondern beruht auf einem zunächst eher intuitiven Eindruck und auf dem Bedürfnis, diesen zu wenig gewürdigten Aspekt stärker zu machen. Das Projekt kann von der Sache her – Fakten und Faktenverknüpfungen – gelingen. Erfolgreich wird es als Narrativ aber nur dann, wenn es auch eine Resonanz- und Rezeptionsgemeinde gibt. Geschichte als Geschichtsschreibung findet im Wechsel von Angebot und Nachfrage statt.

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