Vor genau zwanzig Jahren registrierten die beiden Informatiker Larry Page und Sergey Brin das Unternehmen Google. Sie hatten ein Ziel: Alles Wissen der Welt erschliessen. Gute Absichten: «Don’t be evil» («Sei nicht böse»), lautete ihr Slogan. Und sie besassen das dafür nötige Startkapital: Als einer der ersten Investoren hielt der Gründer des Computerherstellers Sun Microsystems, Andreas von Bechtolsheim, dem Jungunternehmen 100 000 Dollar zu. Heute ist Google seinem Ziel ungemein nahe gekommen. Von seinem Slogan hat sich das Unternehmen stillschweigend verabschiedet. Und Sun Microsystems, das einst so stolze Unternehmen des Silicon Valley, ist längst eingegangen. Doch der Reihe nach.

Schon vor Google gab es Suchmaschinen. Doch keine war, das stellte sich bald heraus, nur annähernd so gut, wie jene von Page und Brin. So wurde google.com innert weniger Jahre die meistgenutzte Internetseite der Welt – und die Firma verdiente mit dem Verkauf von personalisierten Werbeanzeigen gutes Geld. Doch damit gaben sich Page und Brin nicht zufrieden. Sie entwickelten eine Reihe anderer Dienste (Gmail, Android), übernahmen Firmen (Youtube) und sie machten sich daran, das Wissen der Offline- Welt digital zu erfassen. Dafür liessen sie (fast) alle zugänglichen Strassen mit Kameras abfahren und Millionen von Büchern einscannen.

Was, wenn Google mit unseren Daten etwas Böses tut?

Man kann die Services des Unternehmens zwar boykottieren und kommt auch so irgendwie durchs Leben, doch im Alltag der meisten Menschen ist keine andere Firma so präsent wie Google.

Und es gibt vermutlich kein anderes Unternehmen, das so viel über seine Nutzer weiss – über jeden von ihnen besitzt Google mehr Informationen, als die Stasi je hatte. Mit der Macht des Unternehmens wächst auch das Misstrauen. Was, wenn Google mit all unseren Daten – die wir freiwillig abtreten um im Gegenzug die tollen Dienste «gratis» nutzen zu dürfen – doch etwas Böses tut?

Seit diesem Frühling kann auch der Firmen-Slogan «Don’t be evil» nicht mehr beruhigen. Denn diesen haben die Google-Chefs stillschweigend aus den Statuten gekippt. Wird Google nun böse? Das haben sich vermutlich auch die Mitarbeiter gefragt, als bekannt wurde, dass ihr Unternehmen mit Forschung zur künstlichen Intelligenz die US-Armee unterstützte, um Drohnen zu effizienteren Waffen zu machen. Nachdem über 3000 Googler in einem Brief ihre Bedenken ausdrückten, wurde das Projekt eingestellt.

Neue Werbeerlöse sind eine grosse Verlockung

Nun schlagen Google-Mitarbeiter erneut in einem Brief Alarm: Sie fürchten, dass Google eine zensierte Suchmaschine für den chinesischen Markt anbieten könnte. (Gerüchte zu entsprechenden Plänen kursierten zuvor in den Medien.) Eine Milliarde potenzielle neue Nutzer sind offenbar so lukrativ, dass die Google-Chefs darüber nachdenken, den Vorsatz, «alles» Wissen der Welt zugänglich zu machen, über Bord zu werfen und bloss das dem chinesischen Regime zuträgliche Wissen auffindbar zu machen.

Neue Werbeerlöse sind eine grosse Verlockung. Denn all die futuristisch anmutenden Projekte wie selbstfahrende Autos oder smarte Kontaktlinsen lassen sich nur finanzieren dank dem brummenden Geschäft mit personalisierten Anzeigen. Im letzten Quartal erzielte Alphabet – wie der Mutterkonzern von Google mittlerweile heisst – 32,6 Milliarden Umsatz, davon waren 28 Milliarden Erlöse aus dem Anzeigegeschäft. Wirtschaftlich gesehen ist Google bloss ein Werbevermarkter. Das ist die Achillesferse des Unternehmens. Klicken die Nutzer nicht mehr auf die Anzeigen – etwa weil sie diese durch sogenannte Adblocker wegfiltern –, verliert Google seine Existenzgrundlage. Davor fürchten sie sich bei Google. Und davor, die Entwicklung einer neuen Technologie zu verpassen, so wie einst Sun Microsystems den Anschluss verlor.

Statt bloss in neue Start-ups zu investieren wie damals der Sun-Microsystems-Gründer in Google, kaufen Page und Brin Jungfirmen einfach auf. Momentan scheint das gut zu funktionieren, so ist Google – auch dank dem Zukauf von Alpha-Go-Entwickler DeepMind – auf dem Feld der künstlichen Intelligenz tonangebend. Eine Garantie, dass das so bleibt, gibt es aber nicht. In den nächsten zwei Jahrzehnten könnte sich die Welt noch einmal grundlegender verändern als seit dem Start von Google bis heute.