Debatte um Allerheiligen

Wir wissen nicht mehr, wovon wir reden, wenn wir «Tod» sagen

Todessehnsucht: Es gab Zeiten, in denen der Tod allgegenwärtig war. Heute können wir ihn kaum mehr denken.

Die Musik von Johann Sebastian Bach (1685– 1750) ist uns nah. Wir finden sie schön. Etwas anders liegt das bei seinen Texten. Besonders in den Kantaten-Texten findet sich da oft Verstörendes: «Komm, o Tod» (BWV 56), «Mit Fried’ und Freud’ ich fahr dahin» (BWV 125) oder gar «Ich freue mich auf meinen Tod» (BWV 82). Natürlich, es sind Choräle und Texte fremder Dichter und Bach musste vertonen, was die zeitgenössische Theologie und Liturgie haben wollte. Aber der Tod war in Bachs Leben auch so präsent. 1720 begleitete er seinen Dienstherrn, den Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen, nach Karlsbad. Als er nach Hause kam, fand er seine Ehefrau, Maria Barbara, tot und bereits begraben. Mit ihr hatte er sieben Kinder, von denen drei früh starben. Mit seiner zweiten Frau, Anna Magdalena, hatte Bach dreizehn Kinder, von denen nur sechs das Erwachsenenalter erlebten.

Die Musikwissenschaftlerin Helga Thoene hat in der berühmten Chaconne für Violine solo aus der Suite Nr. 2, in D-Dur, Zitate und Reflexe verschiedener Choralzeilen gefunden. (Das Projekt «Morimur» wurde vom Violonisten Christoph Poppen und dem Hilliard Ensemble auf CD aufgenommen.) Besonders prägnant darin die zweite Strophe der Choralkantate «Christ lag in Todesbanden» (BWV 4). Luther dichtete da: «Den Tod niemand zwingen kunnt / Bei allen Menschenkindern, / Das macht’ alles unsre Sünd, / Kein Unschuld war zu finden. / Davon kam der Tod so bald / Und nahm über uns Gewalt, / Hielt uns in seinem Reich gefangen. / Halleluja!» Helga Thoene vermutet, dass Bach die Chaconne als eine Art Grabinschrift für die kürzlich verstorbene Maria Barbara komponierte. Kompositionstechnisch ist das von Bach durchaus zu erwarten. Choralzeilen als Kontrapunkte – das machte er oft. Und der Tod war in seinem Leben immer gegenwärtig. Schon mit 35 Jahren, als Maria Barbara nach dreizehn Jahren Ehe starb.

Der Tod führt aus dem Jammertal

Nicht nur in seinem. Das Zeitalter des Barock war vom Tod besessen. Kein Wunder, kurz nach dem 30-jährigen Krieg. Der Tod war allgegenwärtig. Und nur die Religion versprach Abhilfe. Der Tod wurde dargestellt als Ausweg aus diesem Jammertal, hinüber in ein besseres Leben. Das ist uns heute völlig fremd. Zwar glauben immer noch Menschen an Erlösung und Auferstehung. Aber deswegen den Tod feiern und herbeisehnen, das macht man nicht. Und ihn gar theologisch erklären als Ergebnis oder «Lohn der Sünde» – das liegt noch ferner.

So fremd uns heute die Todesvorstellung des Barock ist, so fremd wäre damals diesen Menschen vorgekommen, wie wir heute mit dem Tod umgehen. Natürlich auch die Praxis, die ihnen vielleicht frivol erscheinen würde. Vor allem aber der gedankliche Umgang. Der Tod ist uns begrifflich völlig zersplittert. Wir wissen schlicht nicht mehr, wovon wir reden.

Hirntod und unendliches Bewusstsein

Am deutlichsten zeigt sich das in der Diskussion um das Organspenden. Dort tritt der Tod als «Hirntod» auf. Als Ausbleiben von Tätigkeiten im Gehirn, was – laut den Medizinern – irreversibel ist. Da mag der Körper noch so warm und lebendig scheinen, der Tod ist eingetreten. Das widerspricht völlig unserer Vorstellung. Wir wollen den Tod auch sehen oder fühlen. Blass und kalt liegt der Tote da. Dann glauben wir, dass jemand tot ist. Nicht, weil eine Maschine nichts mehr messen kann im Gehirn.

Andererseits widerstrebt uns immer noch die Vorstellung, dass der Tod nichts anderes ist als der Stopp der Körpermaschine. Dagegen haben wir auch schon allerlei Technik in Stellung gebracht, die Defibrillatoren hängen unübersehbar an den Wänden. Und wer ins Spital kommt, muss seine Wünsche an die unter Umständen lebenserhaltenden Maschinen schriftlich kundtun. Aber die Tatsache, dass der Tod ein biologisches Grundfaktum ist, ist schwer zu widerlegen. Es gibt ewiges Leben, keine Frage. Das sind die Einzeller, die sich beliebig teilen und so «unsterblich» sind. Je komplexer allerdings das Leben auftritt, desto eher ist es dem Tode geweiht. Irgendwann «lödelt» es im Zusammenspiel der Zellen. Der Organismus wird alt und stirbt. Man kann nicht sagen, dass die Biologie das nicht gewollt hätte. Ohne Tod keine Evolution.

Der englische Bioinformatiker und Zellbiologe Aubrey David Nicholas Jasper de Grey glaubt allerdings, dass Alter kein Schicksal sei. Dass wir einfach noch nicht genug wissen, wie die Zellen funktionieren. Oder wie sie sich regenerieren. Alter und Tod müssen nicht sein, sagt er.
Dass mit dem Stopp der Maschine noch keineswegs alles zu Ende sei, ist lange schon eine geläufige Vorstellung in allen möglichen Ideenwelten. Die Seele ist unsterblich, und wenn sie es nicht ist, ist es mindestens das Gerede, dass sie es sei. Die Überzeugung, dass die Seele – oder was immer man für unsterblich hält – im Gehirn steckt, ist jüngeren Datums. Nicht nur Ray Kurzweil will seinen Bewusstseinsinhalt auf einen Datenträger laden und so unsterblich werden und ewig leben, aber er ist der Berühmteste. Allerdings wäre dieses Maschinenbewusstsein immer noch «nur» eine Kopie von mir.

Ich weiss nicht, wie sich das anfühlt. Und ich weiss nicht einmal, ob ich das wissen möchte.

Auch der soziale Tod ist nicht mehr, was er einmal war. Dass die Umwelt zur Kenntnis nimmt, dass da einer weniger ist. Dass man sich der Verstorbenen zwar hin und wieder wehmütig-nostalgisch erinnert, aber dass dies mit dem Wegfall der «Weisch-no-Kollegen» auch einmal ein Ende hat. Die jüdische Tradition spricht davon, dass man «sich zu seinen Vorfahren legt». Das hat etwas Friedliches. Und von Arno Schmidt gibt es die Erzählung «Tina oder über die Unsterblichkeit», wo die Toten verdammt sind, darauf zu warten, dass das letzte Fitzelchen Erinnerung im Diesseits verschwindet. Goethe hat da keine Chance. Und wir Heutigen haben auch keine Chance mehr. In der virtuellen Welt sind wir zum ewigen Leben verdammt. Da verschwindet nichts mehr. Dass die Facebook-Accounts Verstorbener noch herumgeistern oder dass irgendwelche Programme uns an Geburtstage Verblichener erinnern, ist mehr als gespenstisch.

Von wo kein Wanderer wiederkehrt

Eines wäre allerdings zu wünschen. Dass der Tod uns weiterhin als eine Art Abschied vorkommen darf. Das Zeitliche segnen – die Formulierung ist eigenartig genug. Das Zeitliche ausblenden, so weit das möglich ist. Wie Shakespeare Hamlet sagen lässt: «. . . / Das unentdeckte Land, von des Bezirk / Kein Wandrer wiederkehrt, . . .» Wir müssen gehen, wie wir unser ganzes Leben gegangen sind. Bach lässt seinen Bass zwar singen «Ich freue mich auf meinen Tod», die Sechzehntel in der Begleitung tanzen munter im 3/8-Takt dahin. Dann lässt er ihn «Tod» auf dem tiefen G fast drei Takte aushalten. Dass die Koloraturen des «freue» fast an ein Lachen erinnern, überrascht natürlich nicht. «Da entkomm’ ich aller Not, / die mich noch auf der Welt geb - u - u - u - u -nden» –auch das macht Bach hörbar. Aber die ganze Arie endet im heiteren C-Dur und das «Gebunden-Sein» hienieden hat eindeutig auch etwas, dessen man sich freuen kann – oder soll.

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