Der amerikanische Biochemiker Patrick Brown stellte in der «Nordwestschweiz» vom Montag sein neu entwickeltes Hackfleisch aus rein pflanzlichen Zutaten vor, welches dank dem ebenfalls pflanzlich hergestellten Blutfarbstoff Häm (übrigens mit gentechnisch veränderten Hefekulturen hergestellt) auch verwöhnten Gourmets schmeckt. Der perfekte Fleischgenuss, ohne dass Tiere getötet werden müssen, ist also in Griffnähe.

Wir haben tatsächlich ein ethisches Problem. Dürfen wir 30 Milliarden Mitgeschöpfe – vom Perlhuhn bis zum Büffel – einzig zum Zwecke halten, um von uns nach einem kurzen, oft stressvollen Leben gegessen zu werden? Je mehr wir über das Verhalten, das Sozialleben, die Geschicklichkeit und die Lern- und Kombinierfähigkeit von Tieren wissen, desto mehr Mühe bereitet uns das Töten.

Auch ökologisch spricht vieles gegen die Haltung von Nutztieren. Ihre Gülle macht die Wiesen blumenarm, sie stossen zu viele klimaschädliche Gase aus und unsere Seen müssen belüftet werden, damit wir im Sommer noch baden gehen können.

Und trotzdem esse ich weiterhin Fleisch. Ich esse zum Beispiel Rind- und Kuhfleisch in Bioqualität oder mit einem Weidelabel gekennzeichnet. Diese Tiere wurden nicht mit Getreide- und Sojabohnen gemästet. Sie veredeln vielmehr mit ihrem Pansen-Magen das für uns Menschen unverdauliche Gras zu wertvollen eiweissreichen Lebensmitteln in Form von Fleisch und Milch. Der Pansen ist eine Gärkammer mit Bakterien, welche sich in mehreren zehntausend Jahren optimal an die Verdauung von Gras angepasst haben. Dieser wunderbare Bio-Reaktor erzeugt leider auch Methangas. In der Industrie würde man dieses Gas zur Energiegewinnung zurückgewinnen. Da man nicht jeder Kuh einen Filter einbauen kann, belasten die Rülpser und Fürze der Kühe die Atmosphäre. Man nennt sie deshalb Klimasünder, ein Unsinn, denn wegen ihrer fantastischen Eigenschaft haben sie den Menschen auch in unwirtlichen Gegenden das Überleben ermöglicht. Denn ohne Viehwirtschaft – Yaks, Rind, Büffel, Schafe, Ziegen – gäbe es im Hochland von Nepal, in den Steppen der Mongolei, in der russischen Tundra, in den afrikanischen und lateinamerikanischen Savannengürteln keine Menschen. Wir würden zivilisatorische und kulturelle Höchstleistungen vermissen, und das vor allem unter Hirtenvölkern und Viehzüchtern ausgeprägte Führungs- und Organisationstalent wäre den Menschen nicht eigen.

Ackerbauern, an den wenigen Standorten, wo das möglich war, lebten dagegen von der Hand in den Mund, so wie das die Bilder des Paradieses suggerieren. Trotz modernster Agrartechnik hat sich daran nichts geändert. Auf weltweit zwei Dritteln allen für die Ernährung genutzten Landes, das heisst auf 3,4 Milliarden Hektaren Dauerwiesen und -weide, ist kein Pflügen möglich. Die Menschheit in der heutigen Populationsstärke von 8,5 Milliarden kann deshalb auf aus Gras gewonnene tierische Lebensmittel nicht verzichten. Ausser man macht es wie die Agrochemie und pflügt die ökologisch artenreichen Savanne-Weiden in Brasilien und Argentinien mit dem Totalherbizid Glyphosat chemisch um, karrt chemische Dünger mit ganzen Lastwagen-Kolonnen an und gibt die Böden langfristig der Zerstörung durch Erosion preis.

Zwar würden – und das sagen Veganer zu Recht – 10 Prozent des landwirtschaftlich genutzten Lands, auf welchem heute Mais, Soja und Getreide für die Tierfütterung angebaut werden, für die direkte menschliche Ernährung frei. Das darauf wachsende Getreide könnte viermal so viele Menschen ernähren. Aber eben, es bleibt eine relativ kleine Fläche, die zusätzlich direkt für die menschliche Ernährung gewonnen würde.

Wir essen zu viel Fleisch. Dass sich viele Menschen heute vegan ernähren, ist ein wichtiger Beitrag zur Lösung. Wer im Labor pflanzliche Hamburger herstellt, hilft ebenfalls mit. Die Lebensmittelindustrie und die Bauern sollten noch mehr auf «Novel Food» setzen, Insekten, Algen, aber auch eiweissreiche Hülsenfrüchte wie Bohnen, Linsen der Lupinen sind Beispiele mit gigantischem Potenzial.

Die Menschen, welche Fleisch lieben, sollen dies in Zukunft mit Verstand tun. Gross- und Kleinvieh mit Labeln, welche Weidehaltung und Grasfütterung garantieren. Geflügel- und Schweinefleisch in stark reduziertem Umfang; diese Tiere sollen unsere Abfälle verwerten und nicht wertvolles Getreide wegfressen. Und die Gesetzgebung sollte endlich den BSE-Schock von vor 15 Jahren hinter sich lassen und die wertvollen Reststoffe aus den Haushalten und der Gastronomie nach sorgfältiger Aufbereitung wieder als Futtermittel zulassen. Es gibt viele Handlungsmöglichkeiten.