Wie schön wäre es doch, vom Staat jeden Monat 2500 Franken zu bekommen. Einfach so, ohne etwas dafür zu tun. Bedingungsloses Grundeinkommen nennt sich diese Idee, und in Seminaren lässt sich wunderbar darüber philosophieren. In der Schweiz haben wir das Privileg, über solche Utopien gar abzustimmen; allerdings wollten 77 Prozent die Welt in unserem Land dann doch nicht verändern.

Nun soll die Revolution auf dem Zürcher Stadtgebiet organisiert werden: Das Gemeindeparlament hat diese Woche einen SP-Vorstoss überwiesen, der ein Grundeinkommen für jeden Zürcher einführen will, vorerst als Pilotversuch.

Hort-Pflicht für Schulkinder

Der Entscheid ist ein weiteres Beispiel dafür, dass sich Zürich und weitere rot-grün regierte Städte mehr und mehr vom Rest des Landes abkoppeln. Sie versuchen, ihr eigenes Utopia zu verwirklichen: Ein Schlaraffenland, in dem alle Menschen gleich sind (auch in den Medienmitteilungen der Polizei, die keine Nationalitäten mehr nennt), in dessen neu erstellten Genossenschafts-Siedlungen nur Bewohner ohne Auto leben dürfen, die dann umso motivierter das dichte Radwegnetz befahren, sei es mit dem eigenen Velo – das bleibt erlaubt – oder mit einem aus dem städtischen Verleih.

Alle Kinder besuchen Ganztagesschulen, und idealerweise ist die Tagesbetreuung obligatorisch, so wie das in einem Berner Quartier die SP verlangt (immerhin nur für jene Tage, an denen die Schüler auch nachmittags Unterricht haben). Das subventionierte Mittagessen ist dann selbstverständlich vegan. Um Utopia zu organisieren, braucht es gut ausgebaute Stadtverwaltungen. Dort arbeitet man hart, weshalb die städtischen Angestellten Anspruch auf eine Gratis-Massage haben, um sich von den Strapazen zu erholen – so wie das der Stadtrat von Baden beschloss.

Das Geld für solche Experimente ist vorhanden, zumindest im Moment und zumindest in den Grossstädten: Zürich profitiert von den sprudelnden Steuern der Finanzindustrie, die den verpönten Bank-Gewinnen zu verdanken sind. In Basel ist es die blendend laufende Pharmabranche und in Bern der staatsnahe Wirtschaftssektor, der für Einnahmen sorgt. Weniger komfortabel ist die Lage in vielen eher strukturschwachen Kleinstädten des Mittellandes, in denen Rot-Grün nicht wie in den Grossstädten seit Beginn der 1990er-Jahre dominiert, sondern oftmals erst seit vier oder acht Jahren.

Viele dieser Kommunen stecken mittlerweile in Finanznöten, und in einigen hat das Pendel jüngst politisch wieder zurückgeschlagen. Im Aargau finden an diesem Sonntag in mehreren Städten Kampfwahlen ums Stadtpräsidium statt. Sie gelten als Richtungswahlen, wobei in der rot-grünen Vorreitergemeinde Baden schon klar ist, dass der nächste Ammann entweder bürgerlich oder parteilos sein wird.

Sozis als die besseren Bürgerlichen

Interessant ist, dass die rot-grünen Exekutiven in den Städten lange Zeit eine pragmatische, wirtschaftsfreundliche Politik gemacht haben und dies mancherorts, etwa in Basel, auch nach wie vor tun – dass sich neuerdings aber, gerade in Zürich, die Beispiele ideologischer Auswüchse häufen. In der Limmatstadt verloren die Bürgerlichen ihre Mehrheit 1990. Sie hatten abgewirtschaftet, hinterliessen Schulden und eine offene Drogenszene.

SP und Grüne machten es in den Jahren darauf besser, sie erwiesen sich als die fähigeren Bürgerlichen. Die Personifizierung des linksliberalen Pragmatismus war Elmar Ledergerber, Stadtpräsident von 2002 bis 2009. Sein oberstes Gebot war Wirtschaftsfreundlichkeit, sein Lieblingswort «lösungsorientiert». Auch in anderen Städten wurden meist gemässigte Sozialdemokraten gewählt. Die SP hatte in den urbanen Zentren einfach die besseren Köpfe als die Bürgerlichen, doch ihre Politik unterschied sich kaum von diesen.

Das hat sich geändert. Eine Smartvote-Auswertung, über welche die «NZZ» berichtete, kam zum Schluss, dass SPPolitiker in Zürich früher oft zur Mitte tendierten, nun aber weit links stehen und praktisch identische Positionen einnehmen wie die Alternative Liste oder die Grünen – dies in für die städtische Politik wichtigen Fragen wie Energie, Wohnpolitik, Verkehr oder ausserschulische Kinderbetreuung.

Unter Gleichgesinnten

Innerhalb des dominanten rot-grünen Lagers herrscht also mehr und mehr Gleichförmigkeit. Man ist sich einig, was gut und was böse ist, man bewegt sich unter Gleichgesinnten. Dass der Vorstoss für ein bedingungsloses Grundeinkommen in Zürich eine Mehrheit fand – was vor wenigen Jahren wohl noch undenkbar gewesen wäre –, zeugt davon.

Die urbane Politik wird eintöniger, zumal es den Bürgerlichen in Zürich und in anderen Städten oft an überzeugendem Personal fehlt und sie darum schwach bleiben. Angesichts der zunehmend weltfremden Ideen der Stadt-Ideologen ist nicht auszuschliessen, dass der Weg, der nach Utopia führen soll, in Absurdistan endet.