Gastkommentar

Wie wir fit werden nach Corona

Die Gorillas im Zoo Zürich warten auf Besucher. Bald werden sie erlöst.

Die Gorillas im Zoo Zürich warten auf Besucher. Bald werden sie erlöst.

Nachhaltigkeit verträgt auch Überraschungen. Das Immunsystem wird immer wichtiger.

Schauen Sie noch Corona? In seiner 14. «Arena» dazu gab sich Sandro Brotz alle Mühe, die Zuschauer bei der Stange zu halten. Dominiert hat die Sendung Alfred Heer – mit der landläufigen Kritik: Weshalb sind ausgerechnet die weitläufigen Zoos, Campingplätze und botanische Gärten strikte geschlossen (bis noch 6. Juni)? Dann rief er mit steinerner Miene und Grabesstimme zu mehr Lebensfreude auf – die so aber nicht wirklich aufkommen will. Inzwischen wird auch der Spitzensport mit Steuergeldern unterstützt, Bezüger lösen mit Bundesdarlehen ihre verpfändeten Luxusboliden aus und Betrüger verschieben Millionen ins Ausland.

Wenn man nicht kurz vor der Ziellinie stolpern will, wie das Alain Berset metaphorisch fordert, muss Bundesbern agil bleiben. Die Bevölkerung war lange diszipliniert und ist es mehrheitlich immer noch. Es verträgt jedoch keine Entscheide, die selbst von Fachleuten nicht verstanden werden – Bordellbetrieb erlaubt, Kampfsport nicht!? Es braucht jetzt solide Dynamik, die Mittel müssen zukunftsträchtig investiert werden. Damit es für die Jungen genug Lehrstellen hat, sich die KMU entfalten können und der Forschungsstandort Schweiz top bleibt. Die Sicherung der Sozialwerke setzt eine intakte Wirtschaft voraus.

Die Erkenntnisse aus der Krise müssen genutzt werden. Das Potenzial an Homeoffice und flexiblem Arbeiten ist so gross, dass der rituelle Pendlerstress vermieden werden kann. Ein bis zwei Tage pro Woche zu Hause arbeiten und das Meeting um 10 statt um 8 Uhr durchführen, spart Milliarden für noch mehr Infrastruktur. Ist es wirklich nachhaltig, die SBB auf Viertelstundentakt zwischen den Zentren auszurichten? Weshalb noch mehr Kapazität, wenn sie ausserhalb der Rushhours leer durchs Land fährt, im Schnitt zu 70 Prozent?

Solide Stabilisierung gilt auch für die Sozial­werke. Die immer weniger Berufsaktiven können nicht immer mehr Bezügerinnen finanzieren. Die Lebens- und Arbeitsmodelle sind im Wandel, die Lebenserwartung steigt. Die fortschrittlichen skandinavischen Länder, Holland und Australien haben nachhaltigere Systeme als die Schweiz, flexibler, mit mehr Familienzeit und längerer Aktivphase. Weshalb im Arbeits­leben nicht zwei Jahre mehr Ferien und dafür bis 67 – und freiwillig länger – berufsaktiv bleiben? Mit der Akademisierung gibt es viele Jobs, die bis 70 attraktiv sind. Umgekehrt sollen körperlich Belastete früher in Rente gehen können.

Das Rentenalter 65 ist übrigens eine Referenz an von Otto von Bismarck, er hat 1889 in Deutschland die Rentenversicherung eingeführt. Als er die Idee 1881 erstmals vorlegte, war er gerade 65 Jahre alt. Das Rentenalter legte er allerdings bei 70 Jahren fest. Erst 1916 wurde es auf 65 abgesenkt. Immer noch weit über der durchschnitt­lichen Lebenserwartung.

Auch das Verhältnis zu den natürlichen Lebensgrundlagen muss sich ändern. Die Viruskrankheiten sind Zoonosen, die aus massiven Übergriffen auf die Natur entstehen. Es reicht nicht, etwas weniger Gift in Böden und Gewässer zu leiten und den Verlust an Vielfalt mit einigen Tümpeln zu bremsen.

Die Milliardensubventionen an unsere Landwirtschaft müssen nachhaltig werden. Die Biodiversität bricht derart ein, dass nur noch die konsequente Umstellung auf ökologische Landwirtschaft hilft. Das zahlt sich auch wirtschaftlich aus: Stopp mit Überdüngung, weniger Trinkwasser-Sanierungsbedarf, weniger subventionierte Überschussverwertung, starkes nationales Produkte-Label, bessere Position im Markt, hohes Kundenvertrauen.

Zur Luft – noch einmal: Die 13 Milliarden pro Jahr, die wir für Öl und Gas an Despoten abliefern, investieren wir besser bei uns in Forschung und Entwicklung. Mit den Hochleistungspanels der EPFL und E-fuel-Technologien der ETH haben wir eigene, klimaneutrale Kraftstoffe.

Was uns Corona lehrt: Nachhaltiges verträgt auch Überraschungen. Das Immunsystem des Landes braucht Stärkung, Resilienz wird immer wichtiger.

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