Was hat sich in Paris nicht alles geändert, seit Emmanuel Macrons Partei «La République en Marche» in den Parlamentswahlen die absolute Mehrheit errungen hat, vor gut zehn Tagen? Die Republikaner und die Sozialisten jedenfalls sind am Boden zerstört und zählen ihre Opfer. Die Überlebenden formieren sich in kleinen Gruppen, die sich bereits wiederum gegenseitig bekämpfen. Sie haben jetzt fünf Jahre Zeit, um die marschierende Republik zu stoppen. Derweil schaltet und waltet der lächelnde Präsident, fast wie er will, so scheint es. Le Roi soleil nennt man ihn auch schon. Dass der politische Big Bang nur mit 43 Prozent der französischen Wählerinnen und Wähler zustande kam, interessiert hier niemanden mehr. Im Gegenteil: Die Präsidentschaftswahl sei sowohl der Motor der französischen Politik als auch der Seismograph der Bewegungen im Land und zudem der Schiedsrichter über die verschiedenen politischen Anspruchsgruppen. So sieht es Gérard Courtois in seinem Leitartikel in «Le Monde».

Der politische Motor in der Schweiz hingegen ist die direkte Demokratie. Sie ist – im Unterschied zum französischen System, wie Figura zeigt – die Garantin für stabile Verhältnisse. Warum eigentlich? Die direkte Demokratie ist hausgemacht und handgefertigt. Jede und jeder füllt den Stimm- oder Wahlzettel eigenhändig aus. Bringt ihn zur Urne oder schickt ihn per Post an die Gemeindekanzlei. Dort wird geprüft, ob die Stimmrechtsausweise mit den Stimmregistern übereinstimmen. Die Stimm- oder Wahlzettel werden am Abstimmungswochenende ausgezählt. Je nach Grösse der Gemeinde, durch wenige freiwillige Bürgerinnen und Bürger, in Städten durch Hunderte, in der ganzen Schweiz sind es Tausende. Sie werden eigens auf ihre Kontrollaufgabe vorbereitet. Jeder einzelne Stimm- oder Wahlzettel geht durch ihre Hände.

Nur in den Staatskanzleien sind es Kantons- und in der Bundeskanzlei sind es Bundesangestellte, welche die Abstimmungsprotokolle aller Gemeinden zum Resultat des Urnengangs auf eidgenössischer Ebene zusammenstellen. Es entsteht ein x-fach und auf allen Stufen kontrolliertes Resultat – das bürgerliche Handwerk der direkten Demokratie. Dessen oberstes Gebot lautet: Sicherheit. Stimmende und Wählende sollen ein über jeden Zweifel erhabenes Ergebnis hervorbringen können. Die bald 170-jährige Geschichte der Volksabstimmungen zeigt, dass unser politisches System praktisch fälschungssicher ist. Die aktiven Stimmbürgerinnen und Stimmbürger vertrauen ihm.

Damit soll nun aber bald einmal Schluss sein. Kürzlich erklärte der Bundesrat, bis zu den nächsten eidgenössischen Wahlen am 20. Oktober 2019 würden bereits zwei Drittel der Kantone die elektronische Stimmabgabe anbieten.

Vermutlich wird in absehbarer Zeit das Internet die direkte durch die digitale Demokratie ersetzen. Wir werden per Mausklick auf einer mobilen Applikation die Bürgerpflicht erfüllen. Dort werden auch die Empfehlungen der Behörden und Parteien zu den einzelnen Vorlagen zu lesen sein. Die Urnen, die Stimm- und Wahlzettel, die Tausenden von Freiwilligen: Ihr Ersatz wird eine intelligente Software sein. Statt der spannenden Abstimmungssonntage figurieren dann auf dem Bundeskalender nur noch vier Eingabefristen. Die Abstimmungs- und Wahlbeschwerden und die Erwahrung der Resultate durch die eidgenössischen Räte sind in Zukunft Schnee von gestern.

Es liegt auf der Hand, das Smartphone. Aber die digitale Demokratie wird nicht mehr sicher sein. Im Internet ist alles möglich. Gerade ein äusserst knappes Abstimmungsresultat könnte durch Hacker umgekehrt werden. Laut der Daten-Vertrauensstudie 2017 von Comparis misstrauen mehr als die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer den grossen Playern im Netz wie Google und Facebook. Vielleicht wird einmal gerade Facebook zum System für die Austragung unserer Demokratie. Freunde statt Stimmbürger.

Das deutsche «Handelsblatt» meldete vor ein paar Wochen, Mark Zuckerberg, der Besitzer von Facebook, lasse Sensoren entwickeln, womit das Gehirn Worte, Gedanken oder Entscheide direkt dem Smartphone diktieren könne. So bräuchten wir nicht einmal mehr unsere Hände für die wenigen Stimm-Klicks. Aber immer noch den Kopf. Nur: Die neurologische Demokratie wäre dann jene Krankheit, die definitiv zu ihrem Tod führen müsste.

Oswald Sigg war bis 2009 Vizekanzler der Schweizerischen Eidgenossenschaft und Bundesratssprecher. Zuvor war er Journalist, unter anderem Chefredaktor der Schweizerischen Depeschenagentur, anschliessend Informationschef mehrerer Departemente.