Nicht nur im Banne der Olympischen Sommerspiele denken wir, wenn von Disziplinen die Rede ist, hauptsächlich an Sportarten. Disziplinen gibt es aber auch in der Wissenschaft. Und diese sind ebenfalls dem Wettbewerb ausgesetzt, zwar nicht in Viertelsekunden oder Millimetern, aber: Ja, aber in welcher Masseinheit eigentlich?

Da kann man an Verschiedenes denken: Zuerst an Innovation, was ja die Hauptfunktion von Wissenschaft ist. Aber auch an die Belegzahlen der Studierenden, ist doch die Weitergabe von altem wie neuem Wissen und von Können weiterhin eine wichtige Funktion. Sodann an die Präsenz in den Medien, an die Vernetzung mit der sogenannten «scientific community», an die Zahl der Publikationen und Preise und – ganz wichtig – an die Höhe der eingeworbenen Drittmittel und – last but not least – ans Ansehen der Persönlichkeiten, die das Fach vertreten.

Wettbewerb innerhalb der Disziplin und zwischen den Disziplinen

Drei Arten des Wettbewerbs sind da zu unterscheiden: Zunächst gibt es, fast wie beim Sport, den Wettbewerb innerhalb der Disziplin. Wen kann man bei der Rekrutierung von Nachwuchs gewinnen und wie schafft es der Nachwuchs, eine der vorhandenen Stellen zu ergattern? Und welches innerfachliche Verständnis ist in diesem Prozess wichtig, ein eher klassisches oder ein auf Erneuerung bedachtes? Dann gibt es den Wettbewerb zwischen den Disziplinen – eine Konkurrenz vor allem um Stellen beziehungsweise um Geld; und eine Konkurrenz zwischen einzelnen Fächern oder ganzen Fächerfamilien oder Fakultäten. Keine Konkurrenz gibt es zwischen den beiden miteinander nicht vergleichbaren Grossfamilien der Natur- und der Geisteswissenschaften. Was die einen und die anderen erhalten, hängt weitestgehend von der externen Bedeutungsbeimessung ab. Eine dritte Art des Wettbewerbs besteht zwischen Universitäten sowie zwischen diesen und den Fachhochschulen und privaten Forschungsstellen. Da werden Spannung beziehungsweise Widerspruch zwischen dem Gebot der Kooperation und dem Gebot der Konkurrenz besonders deutlich.

Das alles sind Dauerprobleme. Hier werden sie für einmal angesprochen, weil zurzeit an der Universität Zürich ein Kampf insbesondere um die Erhaltung des zweiten Lehrstuhls in neuerer französischer Literatur «tobt», das heisst öffentlich konträre Stellungnahmen engagiertester Art abgegeben worden sind. Dabei sind wiederum zwei Typen von Fragestellungen wichtig: Erstens, wie wichtig ist die Ausstattung einer bestimmten Disziplin? Und zweitens, wer soll und darf das entscheiden – die einzelnen Fachvertretungen, die Fakultäten, der Senat, der Universitätsrat oder die Basis der Studierenden?

Die Verselbstständigung der Unis hat die Fachvertreter geschwächt

Seit ein paar Jahren sind die Universitäten grossen Umwälzungen ausgesetzt, die zu einem Dauerzustand werden könnten. Über die Fachvertretungen hat sich eine Schicht von Konzeptions- und Organisationsspezialisten gelegt, die sich als Diener ausgeben, zugleich aber auch Herren geworden sind. Die Verselbstständigung der Universitäten hat die oberen Etagen gestärkt und die Fachvertreter geschwächt. Die Zeit, da Wissenschafter mit ihrem exklusiven Fachwissen wenig angefochten in kanonisch abgesteckten Räumen herrschen konnten, ist vorbei.

Fächer können ihre Existenzberechtigung immer weniger aus historischen Gegebenheiten ableiten. Ihre Vertreter/innen müssen, um beim Sport zu bleiben, modernen Mehrkampf betreiben. Die grosse Herausforderung: Sie müssen nicht nur Meister ihres Faches sein und Unternehmerqualitäten haben, sondern auch über Eigenheiten verfügen, die man ruhig als Verkäuferqualitäten bezeichnen kann.

Eine Zusatzdisziplin besteht in der Fähigkeit, sich gegen innen wie aussen selbst anzupreisen und in den auf mehreren Ebenen geführten Verteilkämpfen stets auf der Hut zu sein. Darum im NZZ-Kommentar zu den jüngsten Vorgängen an der Uni Zürich der doch etwas befremdende Rat an die Adresse der Wissenschafter: «Wer hier mitreden will, muss viel Energie investieren und sich die Hände schmutzig machen.» (NZZ von 19.07.2016) Das Bedrückende dabei ist jedoch, dass bei den heutigen Anforderungen schnell mehr Zeit für ausserwissenschaftliche Tätigkeit investiert werden muss als für den Kernbereich und dass Anerkennung und Existenzberechtigung unter Umständen mehr von der Fähigkeit der Selbstdarstellung und Selbstverteidigung abhängen als von der Fachqualität.

Der Autor ist emeritierter Professor für Neuere Allgemeine Geschichte und Geschichte der Schweiz an der Universität Basel. Er war bis 2011 Leiter des Europainstituts Basel und Präsident der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR). Kreis ist Mitglied der FDP.