Nach der Ankündigung, am 20. Oktober habe der Aargau neben 16 Sitzen im Nationalrat und zwei im Ständerat auch einen Sitz in der Kantonsregierung zu besetzen, gaben sich die Parteileitungen redlich Mühe, nicht gestresst zu wirken: Wir schaffen das. Aber klar wird diese Premiere stressig. Für die Parteien, weil Spitzenpersonal nicht unbeschränkt zur Verfügung steht. Und für Wählende, die sich fragen: Welcher Kopf aus Inserat oder Plakat gehört jetzt zu welchem Wahlzettel?

Beim Stellenprofil für den freien Regierungssitz dominieren drei Kriterien ganz klar. Erstens: Es braucht jemanden, der die kantonale Politik von innen kennt. Von Quereinsteiger/innen haben wir im Moment die Nase voll. Zweitens: Es braucht eine Frau. Das hat nichts mit Frauenstreik oder Quotenstreit zu tun, sondern nur damit: Für reine Männerregie-rungen gibt es im 21. Jahrhundert keinen Platz mehr. Gemischte Gremien arbeiten und führen anders, besser, differenzierter. Drittens und am wichtigsten: Es braucht jemanden, der die dornenvolle Gesundheitspolitik à fond kennt und aus dem Stand Entscheide fällen kann. Das Vakuum, das Frau Roth im kantonalen Gesundheitswesen hinterlässt, ist riesig. Nach dem Abgang von Matthias Laube gibt es nicht mal mehr einen Generalsekretär. Es fehlen also die Nummern 1 und 2.

Für dieses Stellenprofil gibt es die ideale Besetzung: Nationalrätin Ruth Humbel. Sie war 22 Jahre Grossrätin und ist jetzt seit 16 Jahren Nationalrätin. Ihre Domäne war stets die Gesundheitspolitik. Heute kennt kein anderes Mitglied des Polit-Systems die Materie so gründlich wie die ehemalige Schweizer Meisterin im Orientierungslauf. Auch beruflich war und ist die Juristin in diesem Feld positioniert, früher als Leiterin Region Mittelland beim Krankenkassenverband Santésuisse, heute als selbstständige Beraterin.

Ob ich noch richtig ticke? Ob ich nicht wisse, dass die CVP mit
Finanzdirektor Markus Dieth schon einen Regierungssitz halte? Ob mir entgangen sei, dass die CVP eine Partei im Sinkflug sei? Gemach. Bei fünf Regierungssitzen gab es immer wieder mal «unverdiente» Übervertretungen von Parteien, auch schon für die CVP (2001–2009, Roland Brogli und Rainer Huber). Ich verstehe meinen Vorschlag überhaupt nicht als CVP-Förderung oder -Forderung. Es geht jetzt um die Sache. Aussergewöhnliche Lagen erfordern aussergewöhnliche Massnahmen. Der Aargau müsste zumindest darüber diskutieren, ob nicht für einmal eine Top-Qualifikation höher zu gewichten sei als der heilige Parteienproporz. Wir brauchen einfach die Beste.

hans.fahrlaender@azmedien.ch