Kommentar

Wer hat recht, Koch oder Salathé? Der Streit zeugt vom Kulturwandel in der Wissenschaft

Daniel Koch zog für die Beurteilung einer möglichen Pandemie das Modell Erfahrung heran. Epidemiologen wie Marcel Salathé datengefütterte Computer-Modelle. Wer hat recht?

Daniel Koch zog für die Beurteilung einer möglichen Pandemie das Modell Erfahrung heran. Epidemiologen wie Marcel Salathé datengefütterte Computer-Modelle. Wer hat recht?

Der Knatsch zwischen Daniel Koch, Mister Corona vom BAG, und den Epidemiologen Salathé, Althaus, Hodcroft und Neher ist entstanden aus einem Paradigmenwechsel innerhalb der Wissenschaft. Wonach richtet man sich: Nach einer durch Erfahrungen erhärteten Theorie oder nach einem datengetriebenen mathematischen Modell?

«Dicke Post für Koch - Epidemiologen kritisieren ‹Mister Corona›» - so und ähnlich titelten die News-Portale, nachdem eine Gruppe Journalisten in der NZZ am Sonntag eine minutiöse Nacherzählung der offiziellen Schweizer Corona-Bewältigung gemacht hatte. Die Epidemiologen Marcel Salathé von der ETH Lausanne, Christian Althaus von der Universität Bern, Emma Hodcroft und Richard Neher von der Universität Basel fühlten sich vom BAG nicht ernst genommen, weil sie sich früh in der Pandemiebewältigung beim Bund gemeldet hatten, aber abgeblitzt waren.

Am 25. Februar schickten sie einen Brief an den Bundesrat. Daniel Koch, Leiter «Übertragbare Krankheiten» beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) bestritt, je von von Althaus und Co. kontaktiert worden zu sein. Dies irritierte die jungen Wissenschafter und sie äusserten dies auch.

Die NZZ am Sonntag hatte die Geschichte online schon am Samstagabend publiziert und die Kommentare positionierten sich entlang einer voraussehbaren Frontlinie: Auf der einen Seiten die «mediengeilen Wissenschafter», auf der anderen der besonnene Mister Corona. Am Sonntag äusserte sich Koch offenbar gegenüber der Redaktion des Tages Anzeigers, es handle sich um zwei völlig verschiedene Dinge, diese Epidemie-Wissenschaft und sein Job. «Die öffentliche Gesundheit und die Bewältigung einer Pandemie gehören nicht zu ihren Fachgebieten.»

Es ist ein regelrechter Kulturwandel

Lassen wir die «Wenn» und «hätte» und die Mutmassungen einmal beiseite. Was sich hier offenbart, ist nicht nur ein Generationenkonflikt: Koch, ganz Old-school-Mediziner mit Erfahrungen aus verschiedenen Epidemiegebieten, gegen die Mathe- und Statistik-Freaks mit ihren Computern.

Es ist ein regelrechter Kulturwandel innerhalb des Wissenschaftsbetriebs.

Gesprochen wird immer noch vom Gleichen: von der rasend schnellen Ausbreitung eines Krankheitserregers in einer menschlichen Population, einer Epidemie. Geändert hat sich die wissenschaftliche Herangehensweise. Der grosse Unterschied macht die heute verfügbare Rechenkapazität. Es braucht nicht einmal mehr die Riesenungetüme der Jahrhundertwende, jeder heutige PC oder Laptop ist um Klassen besser als seine Vorgänger. Sie erlauben es gewissermassen, ein Experiment zu simulieren, es nur auf einem Rechner laufen zu lassen. Die Bedingung dafür sind nicht nur schnelle Rechner, sondern auch eine zuverlässige Datenbasis, die laufend verdichtet und erweitert werden muss.

Wenn der Computer die Epidemie berechnet

Die Modelle, mit denen sie arbeiten, teilen eine Population in Gruppen auf: Es gibt die Gruppen der Anfälligen (Susceptible), Infizierten (Exposed), Infektiösen (Infectious) und aus dem Infektionsgeschehen Entfernten (Removed oder Recovered, gemeint sind Genesene und Tote). Jedes Individuum der Population kann diese «Töpfe» durchlaufen, die Beziehungen zwischen den Töpfen, d.h. unter welchen Bedingungen die Wechsel erfolgen, werden durch Differentialgleichungen ausgedrückt.

Das Modell kann im Detail sehr differenziert ausgestaltet sein. Klar ist: Je mehr sichere Daten vorliegen, desto genauer kann das Modell justiert werden. Aus den Daten, welche aus China bekannt wurden, berechneten die Epidemiologen die möglichen Verläufe der Epidemie. Ihnen wurde schnell klar, dass diese Corona-Infektion nicht mit einer herkömmlichen Grippewelle vergleichbar war. Es war zwar auch eine Infektion der Atemwege, aber sie verlief anders als die gewöhnliche Grippe.

Der Vergleich basierend auf Erfahrungen: Aha, eine Infektion

Die eher traditionelle Betrachtungsweise arbeitet mit einer Theorie. Man versucht die aus der Beobachtung solcher Infektionswellen gewonnen Ähnlichkeiten in ein kohärentes Bild zusammenzufügen. Jede Infektion ist zwar ein bisschen anders, aber sie fügt sich der Theorie. Die Erfahrungen fliessen in die Theorie ein, sie wird jedes Mal ein bisschen verändert, verbessert. Die Reaktion des BAG war: Aha, eine Infektion der Atemwege, also eine Art Grippe. (Koch selbst verglich die Corona-Infektion anlässlich einer Medienkonferenz mit einer Grippe.) Auch Anders Tegnell, der schwedische Epidemiologe, arbeitete mit einer Theorie, die er anhand einer Influenza-Epidemie formuliert und verfeinert hatte.

Die erfahrenen Mediziner des BAG sahen anfänglich nichts Neues. Die Epidemiologen, welche die verfügbaren Daten in ihre Modelle eingespiesen hatten, sahen schneller, dass sich da etwas entwickeln könnte, was anders war als die Routine. Sie warnten. Das BAG reagierte (vorerst) nicht. Auf Statistik und ähnliche Zahlenhexerei sollte man nicht hereinfallen, sondern vorerst Ruhe bewahren.

Offen ist, was mehr Erfolg gebracht hätte

Dann musste man doch Massnahmen ergreifen. Klar ist, sie wirkten. Die Diskussion, was falsch gelaufen und was richtig war, ist im Nachhinein entweder sehr einfach oder dann ziemlich schwierig. Das Argument von Koch: «Nichts, was Althaus vorausgesagt hat, ist eingetroffen.», trifft ebenso ins Leere, wie das, dass man auch nichts hätte machen können.

Schwieriger abzuweisen ist der Einwand, dass man mit früheren Massnahmen weniger hart hätte bremsen müssen. Schliesslich war der Umstand entscheidend, was Bundesrat Berset und Koch der Schweizer Bevölkerung glaubten zumuten zu können. Vielleicht hätte sich im Februar wirklich niemand an die Massnahmen gehalten, auch wenn sie weniger einschneidend gewesen wären als die, die dann tatsächlich verhängt wurden.

Die datengetriebene Simulationswissenschaft wird in vielen Bereichen erfolgreich praktiziert. Offenbar hat die Öffentlichkeit davon aber noch nicht ausreichend Kenntnis genommen. Es wäre besser, sie würde. Man wird nämlich nicht nur aus Erfahrung klug, sondern durchaus auch durch Rechnen.

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