Pfingsten

Wenn es unverhofft klingelt

Die Bibel: Am Anfang der Apostelgeschichte steht das Pfingstereignis. (Symbolbild)

Die Bibel: Am Anfang der Apostelgeschichte steht das Pfingstereignis. (Symbolbild)

Eine Analyse zu Pfingst- und anderen Wundern und was man tun soll

Auch bibelfernste Leser kennen wohl das Pfingstereignis. Es steht am Anfang der Apostelgeschichte, die unter den Schriftgelehrten als Anhängsel ans Lukas-Evangelium gehandelt wird. Es ist die mächtigste Propagandaschrift des Neuen Testaments. Die Jünger sitzen zusammen, der auferstandene Jesus ist ihnen erschienen, die Frage liegt nahe: Nun, Meister, wie soll es weitergehen? Oder wörtlicher: «Stellst Du jetzt wieder ein Königreich her für Israel?» Sie verwenden das griechische Verb «apokathistemi» (oder hier «apokathistano») mit dem Dativ, das so viel bedeutet wie «gesund machen», «wieder heil machen» – sie beziehen sich also auf einen Zustand, den es schon mal gegeben hat. Wie man sich das zu Zeiten der römischen Herrschaft in Palästina vorstellen müsste, ist klar. Aber der Auferstandene gibt eine ebenso klare Antwort: Nichts von dem. Niemand greift Gottes Plan vor. Wartet auf das Zeichen. Dann entschwindet er in den Himmel.

So warten sie. Bis eben das Pfingstwunder kommt. Wie es sich äussert, weiss man. Flammen auf den Köpfen, reden die Apostel «in Zungen», in allen Sprachen wohl gleichzeitig. Die Leute wundern sich. Sind die besoffen? Das Gegenargument von Petrus überzeugt: Nein, Leute, das kann nicht sein. Es ist erst die dritte Stunde des Tages. Die Leute lassen sich überzeugen, und die christliche Missionstätigkeit beginnt.

Man muss sich die Szenerie vorstellen: Die Gemeinde sitzt herum, der Anführer, von dem man sich so viel erhofft hat, ist von den Römern gekreuzigt worden. Da läuft nichts mehr. Das wäre auch in anderen als in biblischen Geschichten eine ziemlich hoffnungslose Situation. Da hilft nur das Übernatürliche.

Ich habe ein altes Nokia-Handy, das ich noch – ohne SIM-Karte – als Radio benutze, wenn der Hund raus will. Vor ein paar Tagen – ich lüge nicht – läutete dieses Handy, als ob jemand anriefe. «Unbekannter Anrufer» stand da, gleichzeitig auch: keine SIM-Karte ... Ich hab nicht abgenommen. Darum bin ich vielleicht auch noch da. Und nicht auf irgendeiner Mission. Natürlich könnte es ein geschäftstüchtiger Bruder aus Nigeria gewesen sein am Telefon, der mir seine Millionen auf einer fremden Bank anvertrauen will. Aber wie kann der ohne SIM-Karte …?

Bei Petrus und den Seinen funktionierte es auch ohne SIM-Karte. Auch bei Mohammed. Und mir gab es Anlass, über ferngesteuerte Missionen nachzudenken. Eine Stimme aus dem Off (oder ein Engel) sagt: «Steh auf! Mach dich auf!» Und dann sollen sie den Leuten irgendwas erzählen. Meist sind es dann Dinge, die über vernünftiges Räsonnieren weit hinausgehen. Eben «Reich Gottes» oder etwas in der Art. Ich halte derartige Visionen oder utopische Vorstellungen keineswegs für absurd und abwegig. Gerade Dinge, die nicht so «von dieser Welt» sind, bringen uns weiter. Neue Gedanken, um den Kopf durchzulüften, sollten willkommen sein. Gleichzeitig sind diese Missionen auch mächtig. Sie können Leute, Gesellschaften, Reiche durchschütteln, bis nichts mehr ist, was es war. Die mächtigsten Missionen sind wahrscheinlich die, die am weitesten von der Realität weg sind.

Das ist die Kraft der Utopie. Dorthin, wo (noch) nichts ist. Oder ist es die Energie, die sich auswirkt, die mobilisiert werden muss, wenn man wirklich alles liegen lässt? Mir fällt Hölderlin ein: «Ich aber will dem Kaukasos zu!» So beginnt die dritte Strophe der «Wanderung». Der Dichter will zum Ursprung, nach Griechenland. Zuvor aber heisst es: «Schwer verlässt, // Was nahe dem Ursprung wohnet, den Ort.» Und es wurde das «glückselig Suevien» gepriesen, das Heimat- oder Ursprungsland Hölderlins.

Das würde heissen – und dies ist überzeugend: Je abrupter der Abschied, je grösser das ist, was man liegen lässt, desto überzeugender die Mission, aber auch desto grösser Fanatismus und Enthusiasmus. Wäre Jesus einfach gestorben, wäre die Mission dann auch so erfolgreich geworden? Wohl kaum. Also hängt es nicht am Inhalt, an den Lehren, den Worten. Die Geste macht es. Die Geschichte sagt wenig von Propheten, die nicht überzeugten. (Nur Heilige Schriften wissen von «falschen Propheten».) Sie taten dies meist in Gesten, in Handlungen. Wenigen wurde ihre Lehre um die Ohren gehauen. Sie versagten als Actors, nicht als Argumentierende. Es gibt ein paar coole Typen, die auch mit dem überzeugen, was sie sagen. Aber nur wenige. Denen sollte man eher folgen. Die rufen auch nicht auf Handys ohne SIM-Karte an, denke ich.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1