«Glamour, mon amour»

Wenn eine gute Freundin zum Star wird

Die gebürtige Deutsche und in der Schweiz lebende Autorin Sibylle Berg  wird für ihre "eispickelharte Gesellschaftskiritk "GRM. Brainfuck." mit dem Schweizer Buchpreis 2019 geehrt.

Die gebürtige Deutsche und in der Schweiz lebende Autorin Sibylle Berg wird für ihre "eispickelharte Gesellschaftskiritk "GRM. Brainfuck." mit dem Schweizer Buchpreis 2019 geehrt.

In ihrer Kolumne «Glamour, mon amour» schreibt unsere Autorin Simone Meier diese Woche über ein Ereignis, das ihr so grosse Freude bereitete, dass sie es nicht mehr aus dem Kopf brachte.

Eigentlich wollte ich hier über etwas anderes schreiben. Doch als ich mich mit Kaffee und besten Absichten dahinter machte, trug sich Folgendes zu: Sibylle Berg gewann den Schweizer Buchpreis. Und ich merkte: Okay, für heute ist mein Gefühls- und Inspirationshaushalt vollkommen blockiert. Da geht jetzt nichts anderes mehr als eben: Sibylle Berg hat den Schweizer Buchpreis gewonnen.

Ich wollte sofort platzen. Vor Freude und Stolz. Aber ich dachte, dass es eine saublöde Idee sei, darüber zu schreiben, denn wenn diese Kolumne endlich erscheint, liegt der Buchpreis bereits einige Tage zurück und ist für Sie der älteste und kälteste aller Kaffees. Zur Ablenkung stopfte ich sehr viel Essen in mich hinein, aber das Essen verdrängte die Emotionen nicht, im Gegenteil, es nährte sie geradezu, und sie wurden immer noch grösser. Ich sah mich gezwungen, meinen Ursprungsplan aufzugeben.

Sibylle Berg kenne ich seit zwanzig Jahren, sie war damals schon gross und eine Legende, war aus der DDR geflüchtet und hatte zur Schweiz gefunden. Ich wurde in meinen ersten Monaten als kleine Journalistin zu ihr geschickt, wir sollten über ihr neues Buch reden oder auch einfach über sie, ich weiss noch, dass die Decke ihrer Zürcher Niederdorf-Wohnung tatsächlich niedrig war, dass sie ihre Bettstatt mit Goldfarbe bemalt und versucht hatte, mit gelben Tüchern das Gold eines Sonnentags ins spätwinterliche Zimmer zu zaubern.

Sie selbst war schwer erkältet, und so sonnten wir uns eine Weile bei Ingwertee. «Irgendwie kommt immer alles, was ich anfange, ein bisschen negativ heraus», sagte sie. Danach waren wir Freundinnen.

Wir vertilgten über die Jahre kilometerweise Sushi, kochten heisse Schokolade gegen Liebeskummer und stiessen in Hongkong mit Ingwertee auf ein neues Jahr an. Ihr Stern raste in die Höhe, während sich meiner gemütlich in einer Parklücke für Smarts einnistete. Wir besichtigten gemeinsam Wohnungen mit hohen Decken und stellten uns vor, wie wir zur Weihnachtszeit Guetsli backen und gelbe Tücher vor das Zürichgrau des Himmels hängen würden.

Doch dann schlug bei beiden die grosse Liebe ein, und wir gründeten andere Haushalte mit anderen Menschen. Ich schaute zu, wie sie sich ihren Platz in der deutschen Theater- und Literaturwelt erschrieb, wie sie die Feuilletons, die ihre Romane zuerst als spleenige Frauenliteratur abgetan hatten, in die Knie zwang. Wie sie radikal blieb und politischer wurde, wie sie mit ihren Texten allen Halt gab, die auf der Suche waren. Nach einem Leben, das Sinn macht und gut ist. Auch wenn es zuerst irgendwie negativ herauskommt.

Mit «GRM Brainfuck» hat sie jetzt einen Roman über die Restwiderspenstigkeit einer verletzten, verarschten Jugend von morgen geschrieben. Einen furiosen Abenteuerroman, gute Literatur, engagierte Literatur, die Brutalität, Melancholie und Komik in einem zulässt. Sie hat jeden Preis verdient, den es gibt. Der Schweizer Buchpreis ist schon mal eine siegreich absolvierte Bergetappe.

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