Kommentar

Wenn Covid-Patienten die Behandlung auf der Intensivstation verweigert wird

Intensivstation. (Symbolbild)

Intensivstation. (Symbolbild)

Das Gesundheitssystem nicht überlasten – das war der Grundtenor, seit das Sars-CoV-2-Virus aufgetaucht ist. Jetzt kommen Spitäler an ihre Kapazitätsgrenzen. Und das heisst, dass unterschieden werden muss, für wen sich gewisse Behandlungen lohnen und für wen nicht (mehr). Darf man das? Die moralische Frage richtet sich aber an Verantwortliche, die zugelassen haben, dass sie überhaupt gestellt wird.

Hin und wieder lohnt es, der Sprache einfach zuzuhören. Wir kennen die Wendung: «Wenn’s eim a s’Läbige goot». Gemeint ist, dass einem die Tragweite eines Entscheides in einer bestimmten Situation erst dann richtig bewusst wird, wenn es um Leben oder Tod geht. Wir reden seit dem Auftreten des Coronavirus von der «Überlastung des Gesundheitssystems», die es unbedingt zu vermeiden gelte. Es war noch im Sommer eine abstrakte, weit entfernte, vernachlässigbar kleine Möglichkeit. So klein, dass viele bedenkenlos die Massnahmen in Frage stellen konnten, die ergriffen wurden, um die Ausbreitung des Virus zu bremsen. Oder man schraubte das Problem hoch zur Frage, ob menschliche Leben gegen eine Einschränkung der Wirtschaftstätigkeit aufgerechnet werden dürften.

Jetzt machen die ersten Berichte die Runde, dass auch in der Schweiz Covid-19-Erkrankten die Behandlung in der Intensivstation verweigert werde. Vom Fall im Spital von Sitten wurde in der «NZZ am Sonntag» allerdings seltsam kühl berichtet. Mitten in einer Reportage kommt ein Arzt vor, der davon erzählt, wie er einem «über 80-jährigen Mann» «mit schwersten CovidSymptomen» die Behandlung verweigert habe. «In der aktuellen Situation aber halte ich die letzten Betten lieber für Fälle frei, wo mehr Hoffnung besteht.» So wird der Arzt zitiert.

Die Triage selbst beinhaltet kein ethisches Dilemma. Warum es so weit kommen musste, dass man sie anwenden muss, aber schon.

Weiter ist von einem «ethischen Dilemma» die Rede, mit dem er konfrontiert sei. Es ist nicht ganz klar, worin dieses besteht. Es kann nicht darin liegen, dass – bei begrenzten Ressourcen und Kapazitäten – abgewogen werden muss, wer die Behandlung bekommt. Eine solche Entscheidung ist sicher nicht einfach, aber das Verfahren der «Triage» hat keine moralischen Komponenten, sondern ist ein hochstandardisiertes – man möchte fast sagen: technisches Abwägen. Und man hat im Voraus möglichst exakt die Parameter zu bestimmen versucht, die beachtet werden müssen. «Möglichst viele Menschenleben retten», das ist das oberste Prinzip in einer Situation der begrenzten Kapazitäten. Hauptkriterium ist die kurzfristige Überlebensprognose. Ein medizinisches Kriterium. Und die Richtlinien der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften (SAMW) sehen ausdrücklich vor, dass so etwas wie das Kriterium des «Werts» eines Patienten keine Rolle spielen dürfe.

Zu Diskussionen Anlass gab das Alter. Es sei diskriminierend, dass man einem Patienten die Behandlung verweigere, nur weil er über 80 Jahre alt sei. Das Alter allein ist es auch nicht. SAMW-Vizepräsident Daniel Scheidegger hat in der «Rundschau» von SRF das Alterskriterium präzisiert. Das Alter wurde ergänzt durch Gebrechlichkeitskriterien (Clinical Frailty Scale). Eine entscheidende Schwelle bildet die Unterscheidung, ob ein älterer Mensch sein Leben noch allein führen kann oder pflegebedürftig ist.

In Katastrophen können moralische Prinzipien und Recht ihre Geltung verlieren. Damit grössere Katastrophen vermieden werden können.

Es gibt Situationen im Leben, bei denen sonst akzeptierte moralische Prinzipien und Rechte ausser Kraft gesetzt werden. In Katastrophen oder Pandemien muss man das tun, um schlimmste Konsequenzen abzuwenden. Nikil Mukerji und Adriano Mannino sehen in ihrem Buch «Covid-19: Was in der Krise zählt» eine Analogie zwischen dem Verhältnis vom Shutdown zum Staat und dem Verhältnis von Triage zu der einzelnen Ärztin. Die Katastrophensituation berechtigt, strikt konsequentialistisch zu argumentieren. Das heisst, sich nur auf die Folgen einer Handlung oder Unterlassung zu konzentrieren, ohne andere allenfalls moralisch gewichtige Gründe zu berücksichtigen.

Moralisch relevant im Zusammenhang mit der Triage wäre, dass die Situation, in der sie angewendet werden muss, gar nicht eintreten sollte. Hier stellt sich die Frage, ob man jemandem eine Verantwortung dafür zuschreiben kann. Unser Erschrecken ist auch zu relativieren. Denn man muss eingestehen, dass in einer Welt, wo es unzählige «unnötige Todesfälle» aufgrund von Hunger oder ärztlicher Unterversorgung gibt, jederzeit eine «Triage» stattfindet.

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