Arbeitslosigkeit

Wenig Wachstum ist zu wenig

Steigt die Arbeitslosigkeit, spürt das oft auch die konjunkturanfällige Baubranche. (Symbolbild)

Steigt die Arbeitslosigkeit, spürt das oft auch die konjunkturanfällige Baubranche. (Symbolbild)

Die Arbeitslosigkeit steigt - trotz der Expansion der Wirtschaft. Die Analyse.

Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben – so liesse sich das Wachstum beschreiben, mit dem sich derzeit jene Teile Europas, die überhaupt wachsen, bescheiden müssen. Dazu gehört auch die Schweiz. Die Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) von vergangener Woche zeigen, dass das Bruttoinlandprodukt (BIP) 2015 um 0,9 Prozent gewachsen ist. 2014 waren es noch fast 2 Prozent, was ungefähr der Geschwindigkeit entspricht, mit der sich die Wirtschaft hierzulande überhaupt ausdehnen kann. Die BIP-Zunahme lag aber nicht nur deutlich unter dem Potenzialwachstum. Pro Kopf kam die Wirtschaftsleistung kaum vom Fleck. Die Arbeitslosenquote soll gemäss Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF) heuer von 3,3 Prozent auf 3,6 Prozent und im nächsten Jahr auf 3,7 Prozent steigen.

Gesetz von Okun: Arbeitslosigkeit steigt, obwohl Wirtschaft wächst

Doch Moment. Warum soll die Arbeitslosigkeit steigen, wenn die Wirtschaft wächst? Genau diese vermeintlich paradoxe Situation beschreibt das Gesetz von Okun (das – allem Anschein zum Trotz – nicht nach einer Stadt aus der Welt von J.R.R. Tolkien benannt ist, sondern nach dem US-Ökonomen Melvin Okun, 1928–1980). Demnach geht nur ein über eine bestimmte Rate hinausgehendes Wirtschaftswachstum mit einem Rückgang der Arbeitslosenquote einher. Darunter gehen Stellen verloren, obwohl die Wirtschaft nicht schrumpft. Es reicht also nicht, keine Rezession zu haben, um den Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern. Allein der technische Fortschritt sorgt vielmehr dafür, dass der Einsatz menschlicher Arbeitskraft bei einem konstant bleibenden Produktionsvolumen tendenziell zurückgeht.

Für die Schweiz hat der Internationale Währungsfonds (IWF) berechnet, dass ein BIP-Wachstum von 1 Prozent eine Reduktion der Arbeitslosenquote um 0,2 Prozentpunkte bedeutet – aber erst ab einem Wachstumsniveau von 1,8 Prozent. Für jeden Prozentpunkt, mit dem das Wachstum unter dieses Niveau fällt, steigt die Arbeitslosenquote aber um 0,2 Prozentpunkte.
Was das okunsche Gesetz nicht sagt: Das Wachstum der Volkswirtschaft kann zunehmen, pro Kopf stagnieren oder abnehmen. Das verschärft das Problem geringen Wachstums im Fall starker Einwanderung, der Verteilungskampf nimmt zu. Die Flüchtlingskrise lässt grüssen.

Der Schweiz scheint die Einwanderung auf den ersten Blick im Gegenteil nur zu helfen: Seit das Freizügigkeitsabkommen mit der EU 2002 in Kraft trat, wuchs die Wirtschaft mit Ausnahme des krisenbedingten Einbruchs 2009 mit der Potenzialrate von rund 2 Prozent. Am höchsten war die Netto-Einwanderung 2007 und 2008 mit dem Wegfall der Kontingente für die alten EU-Länder – zum richtigen Zeitpunkt. Denn nach dem Ausbruch der weltweiten Finanzkrise von 2008 wurden Detailhandel und Konsum massgeblich vom Bevölkerungswachstum gestützt, ebenso Immobilien- und Baubranche. Und nun, wo die Exporte unter dem harten Franken leiden, ist wieder der Binnenkonsum die Stütze der Wirtschaft, angekurbelt von tiefen Zinsen und Einwanderung. Fazit: Das BIP stieg von 2008 bis 2014 von 597 auf 642 Milliarden Franken, 7,5 Prozent.

Der Kuchen wuchs wie die Anzahl Mäuler

Nur: Pro Kopf wächst die Wirtschaftsleistung schon seit 2008 kaum mehr, sondern stagniert auf rund 78 000 Franken. In dieser Zeit stieg sie in Deutschland von 31 700 auf 36 000 Euro – das sind rund 20 Prozent! In der Schweiz wuchs die Bevölkerung fast so stark wie das BIP, nämlich von 7,7 auf über 8,2 Millionen, also 7,1 Prozent. Anders gesagt: Der Kuchen wuchs etwa wie die Anzahl Mäuler.

Das okunsche Gesetz veranschaulicht, wie wichtig Wachstum ist. Doch darf auch eine schleichende Stagnation des Pro-Kopf-Einkommens nicht ignoriert werden. Die für die Beziehungen zur EU folgenschwere Annahme der Einwanderungsinitiative 2014 legt nahe, dass Slogans aus dem industriellen Amerika à la «Was gut ist für Ford, ist gut für Amerika» nicht mehr geglaubt werden. Der Wähler weiss, dass die Wirtschaft und er nicht einfach deckungsgleiche Interessen haben. Er bestraft, wer ihm diese Erkenntnis nicht zutraut und womöglich noch herrisch von Plakaten blickt, um ihm von dort ins liberale Gewissen zu reden. Umgeben von einem Chor aus Verbänden und Politikern, die das Wachstumswunder Schweiz besingen, wundert sich der Wähler nämlich vor allem, warum es bei ihm nie angekommen ist.

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