Hunderttausende von Jemeniten sind nach den Angriffen der saudischen Luftwaffe auf eine Trauerhalle in Sanaa auf die Strassen gegangen. In Sprechchören forderten sie Vergeltung für die über 140 Toten vom vergangenen Samstag. «Niemals Frieden mit dem Verbrecherhaus Al Saud», stand auf den Transparenten der Demonstranten, die entweder eine Faust oder den traditionellen Krummdolch gen Himmel reckten. Vertreter der selbst ernannten Huthi-Regierung nutzten den Volkszorn zur Rekrutierung neuer Kämpfer. Tausende von Freiwilligen sollen sich gemeldet haben. Der Krieg im ärmsten Land Arabiens steht womöglich vor einer weiteren Eskalation.

Auslöser des Konflikts war ein Vertragsentwurf, der die Aufteilung Jemens in sechs föderale Regionen vorsah und den Huthi dabei ein isoliertes Gebiet im Norden des Landes ohne Zugang zum Meer zuwies. Zur Durchsetzung ihrer Interessen besetzten die über Jahrzehnte marginalisierten Huthi im September 2014 die Hauptstadt Sanaa und zwangen die nach der Niederschlagung der Proteste im «Arabischen Frühling» gebildete Übergangsregierung unter Präsident Mansur Hadi zum Rücktritt.

Der rasante Vormarsch der Huthi im Jemen wurde von Saudi-Arabien als Bedrohung sowie als Einmischung des Erzrivalen Iran interpretiert. Als die von Teilen der Armee unterstützten Rebellen im März letzten Jahres vor Aden standen, startete die «Arabische Koalition» ihre militärische Intervention zur «Wiederherstellung von Sicherheit und Stabilität». Saudi-Arabien sah zu diesem Zeitpunkt «von Iran umzingelt». Denn nach dem Irak, Syrien, Bahrain und dem Libanon drohte – aus dem Blickwinkel der Saudis – ein weiteres arabisches Land und Nachbarstaat unter den direkten Einfluss von Teheran zu geraten. Gleichzeitig deutete sich als Folge der amerikanisch-iranischen Annäherung im Atom-Streit eine Verschiebung des strategischen Gleichgewichts am Persischen Golf zu- ungunsten von Saudi-Arabien an. Mit seinem Eingreifen im Jemen wollte das wahhabitische Königreich militärische Stärke demonstrieren – auch gegenüber den USA.

Diplomaten in Sanaa sind der Ansicht, dass Saudi-Arabien mit seiner aggressiven Kriegsführung die Huthis in die Arme der Iraner getrieben hat. Ohne viel eigenes Zutun habe Teheran Einfluss in einer Region gewonnen, um die man sich niemals wirklich bemüht habe. Der zweite grosse Profiteur des Krieges im Jemen ist der jemenitische Zweig von al-Kaida. Nach dem Beginn des saudischen Bombenkrieges konnte die Gruppe vor allem im Süden und Osten Jemens Fuss fassen. Wie im Irak und Syrien begünstigte die schleichende Erosion staatlicher Autorität auch im Jemen die Ausbreitung dschihadistischer Gruppen. So profitiert auch der sogenannte Islamische Staat vom Kriegschaos. Die Terrorgruppe kontrolliert Teile der strategisch wichtigen Hafenstadt Aden.

Washington unterstützt den Krieg der Saudis im Jemen eher halbherzig. Nach fortgesetzten Fehlangriffen der saudischen Luftwaffe warf die «New York Times» der US-Regierung im August in einem Leitartikel vor, ein «Komplize des grossen Schlachtens im Jemen» zu sein. Washington reduzierte darauf seinen Beraterstab in Saudi-Arabien, um wenig später der Lieferung von 130 zusätzlichen Panzern an Riad zuzustimmen. Doch nun, nach den Raketenangriffen auf die Trauerhalle in Sanaa, stellten die USA die Sicherheitskooperation mit Saudi-Arabien infrage. «Riad hat keinen Blanko-Check im Jemen», hiess es aus Washington. Wie in Syrien fehlt aber auch im Jemen eine Strategie sowie der politische Wille zur Konfliktlösung.

In seinem 18 Monate andauernden Luftkrieg mit über 9000 Bombenangriffen hat Riad sein wichtigstes Kriegsziel, die Wiedereinsetzung der von den Huthi gestürzten Regierung in Sanaa, nicht erreicht. Die richtigen Schlüsse aus der militärischen Pattsituation werden hingegen nicht gezogen. Konzessionen an die schiitischen Rebellen und «Verbündeten des Iran» empfindet Riad als Gesichtsverlust. Die Huthi ihrerseits haben mit der Bildung einer Gegenregierung in Sanaa für zusätzlichen Zündstoff gesorgt. Da auch brauchbare internationale Impulse zur Lösung des Konflikts fehlen, scheinen weitere humanitäre Tragödien im Jemen daher programmiert – dies in einem Land, in dem fast zwei Drittel der Bevölkerung auf Überlebenshilfe der Vereinten Nationen angewiesen sind und bisher mehr als 4000 Zivilisten bei Fehlangriffen der «Arabischen Koalition» ums Leben kamen.

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