Klimadebatte

Wasser- und Luftreinhaltung: Wir müssen das Verpasste im Eiltempo nachholen

Letzte Woche hat die ETH ihre solare Mini-Raffinerie vorgestellt, welche aus Sonnenlicht und Luft CO2-neutral synthetische flüssige Treibstoffe produziert.

Letzte Woche hat die ETH ihre solare Mini-Raffinerie vorgestellt, welche aus Sonnenlicht und Luft CO2-neutral synthetische flüssige Treibstoffe produziert.

Die Klimadebatte macht der Politik allmählich Dampf, viele neue Massnahmen sollen die alten Ziele erreichen helfen. Diese stehen seit Jahrzehnten in der Bundesverfassung und in internationalen Verpflichtungen – der Schutz der Natur und die Erhaltung der Lebensgrundlagen. Doch offensichtlich hinkt die Politik den Realitäten hinterher, wie seinerzeit beim Überdüngen der Seen mit Phosphat, dem Sauren Regen oder dem Ozonloch.

Immerhin konnten diese Gefahren mit strikten Vorgaben und dem Verzicht auf Giftstoffe noch abgewendet werden. Die aktuellen Bedrohungen sind Treibhausgase und Feinpartikel, Verlust an Biodiversität, Mikroplastik und Giftstoffe in Luft, Boden und Wasser, Raubbau an Tropenwäldern und Zerstörung der Meere durch Überfischung, Abwässer und Vermüllung. Das Klima steht wegen herzergreifender Bilder hungriger Eisbären im Vordergrund; die übrigen Umweltbereiche sind aber ebenso wichtig und in enger Wechselwirkung.

All das wurde bereits im Umweltschutzjahr 1970 diskutiert, die einzelnen Fortschritte in der Wasser- und Luftreinhaltung haben dann jene Trägheit gebracht, wie wir sie bei kurzfristigen Erfolgen auch in anderen Politikbereichen kennen – wie etwa in der Drogenpolitik. Das Prinzip «gouverner c’est prévoir» funktioniert ohne öffentlichen Druck offensichtlich nicht.

Nun müssen wir das Verpasste im Eiltempo nachholen.

Es spricht jetzt nichts dagegen, diese Herausforderung als Chance für das Innovationsland Schweiz zu nutzen. Die rasche Reduktion der Treibhausgase sollte uns sportlich kitzeln wie seinerzeit die systematische Reinigung aller Abwässer in vorerst zwei, dann drei und heute vier Stufen. Das landesübliche Lamento bei grossen Herausforderungen können wir uns für einmal sparen, die Technologien zur Lösung sind vorhanden.

Das Problem ist nicht die Technologie, sondern das fehlende Wissen um die Möglichkeiten hier vor Ort und um das grosse Potenzial für das Tüftlerland Schweiz. Ich hatte vor einem Monat ein Streitgespräch mit einem Nationalrat und musste dabei feststellen, dass die Power-to-X-Technologie im Bundeshaus nicht allen bekannt ist, obwohl die ersten Anlagen dort auf dem Bundesplatz präsentiert wurden – vor fünf Jahren, mit einem persönlichen Grusswort des Wirtschaftsministers.

Es wissen nicht alle, dass mit Flatterstrom Wasserstoff hergestellt und mit Kohlenstoff aus der Luft zu klimaneutralen Treibstoffen kombiniert wird. Diese Anlagen schaffen einen mehrfachen Nutzen: Sie helfen das Stromnetz stabilisieren, den Öko-Überschussstrom in emissionsfreie Treibstoffe umwandeln, die Abhängigkeit von der Fossilenergie senken, hier Wertschöpfung zu generieren sowie Forschung und Entwicklung voranzutreiben.

Letzte Woche hat die ETH ihre solare Mini-Raffinerie vorgestellt, welche aus Sonnenlicht und Luft CO2-neutral synthetische flüssige Treibstoffe produziert. Die Kommerzialisierung ist bereits in Vorbereitung, derzeit beträgt die Ausbeute auf einem Quadratkilometer 20 Tonnen Kerosin/Tag.

Doch auch die Solarfolien werden immer effizienter, diskreter und kostengünstiger. Allein die Hälfte der dafür geeigneten Dachflächen und Fassaden reicht aus, um 116 Prozent des heutigen Strombedarfs zu decken. Kombiniert mit der Wasserkraft und den Power-to-X-Technologien stellt nicht mehr die verfügbare Energiemenge das Hauptproblem dar, sondern die intelligente Umwandlung, Speicherung und Anwendung – in einer Gesamtbilanz, inklusive der notwendigen Infrastrukturen und der Akzeptanz bei den Anwendern.

Hier sticht die Wasserstofftechnologie hervor. Die Herstellung aus Öko-Überschussstrom ist einfach, die Lagerung inzwischen sicher, die Betankung schnell, der Fahrradius über 500 km und die bestehenden Infrastrukturen bleiben nutzbar. Während im Autoland Deutschland noch über hohe Kosten und fehlende Akzeptanz lamentiert wird, hat Toyota soeben bekannt gegeben, bis 2025 H2-Brennstoffzellen-Autos in Massenproduktion zu moderaten Preisen anzubieten. Migros und Coop haben inzwischen in Südkorea 1000 H2-Lastwagen gekauft.

So sieht die Zukunft aus, innovativ und emissionsfrei. Das gilt auch für den Boden und das Wasser – Giftstoffe und Abfall können vermieden und umweltverträglich ersetzt werden.

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