Gesellschaft

Was Kunst mit uns macht

Pipilotti Rist in ihrem «Pixelwald« aus 300 von Videos erleuchtet en Glaskörpern.

Pipilotti Rist in ihrem «Pixelwald« aus 300 von Videos erleuchtet en Glaskörpern.

Ludwig Hasler über die gesellschaftliche Rolle der Kunst, mit Blick auf Pipilotti Rist.

Das Zürcher Kunsthaus lädt in Pipilotti Rists Video-Zauberland. Viele sind beeindruckt, begeistert. Einigen ist die Schau fast zu schön. Dann gibt es noch die Fraktion der Unbeeindruckbaren; ihnen war diese Künstlerin schon immer allzu «unpolitisch», womit gemeint ist, sie produziere nichts als verführerischen Zauberzauber, wirke nicht ein auf «die realen gesellschaftlichen Verhältnisse». Wie Thomas Hirschhorn. Wie Lukas Bärfuss. Einen dümmeren Einwand gegen Kunst gab es nie.

Muss Kunst etwas bewirken? Wie wirkt Pipilotti Rist? Sie legt uns gern auf den Rücken. Wie damals in Venedig, in der Barockkirche, mit Blick hinauf zum Video-Fresko «Homo sapiens sapiens». Retour ins Paradies, zurück hinter den Sündenfall. Ein kühner Vorschlag, aus unserer planetarischen Sackgasse herauszufinden, das Drama der Menschengeschichte noch einmal von vorn zu beginnen, diesmal weiblich, mit der doppelten Eva statt dem depperten Adam. Die paradiesischen Evas sitzen nicht auf dem Planeten, ihr Körper ist «selber ein Planet, die Epidermis ist ein Land, die Fingernägel sind ein Haus, die Mundhöhle ist eine Kirche, der Nacken das Tor zum Himmel».

Es reicht nicht, heisst das, auf der Welt vorzukommen, wir müssen uns selber – körperlich, sinnlich – als Weltereignis sehen, durch das hindurch Leben blutet, pulst, schleimt, atmet, singt, tanzt, wütet, zerstört. Im grossen kosmischen Welttheater fällt der Vorhang, die göttliche Regie macht Pause. «Dahinter» ist nichts, die «Kirche», den Sinn müssen wir in unserer eigenen Biologie entdecken.

Statt Gesellschaftskritik macht sie unsere Augen trunken

Dagegen wendet die Nüchternheits-Fraktion ein: Statt anzusprechen, was auf unserem Planeten alles schiefläuft, setzt sich diese Kunst ab in fantastische Pixelwelten, macht uns die Augen trunken, die Sinne süchtig. Und? Was auf dem Planeten schiefläuft: alles bekannt. Wir sind informiert. Nur läuft von der Information kein direkter Draht zum Handeln. Der Wille kommt woanders her, von der Fantasie, vom Humor, von der Vorstellungskraft, von der wilden Lust, zu leben. Ist alles keine Naturausstattung. Eher Kunst. Da wirkt Kunst, wenn überhaupt. Sie weckt unsere Potenzen, schärft die Gewitztheit unserer Sinne, gibt den diffusen Leidenschaften eine Melodie. Kunst muss uns doch nicht erzählen, was real abläuft, das schaffen die Medien hoffentlich alleine. Kunst kurbelt die Vorstellungskräfte in uns an – bis wir uns zutrauen, vor der sogenannten Realität nicht zu kuschen, sie vielmehr als Bühne für intelligentere Spielzüge zu betrachten.

Der Mensch ist kein vom Himmel gefallener Engel, eher ein Spätausläufer des Affen, die Evolutionsleiter hinanstolpernd. Da ist es doch klüger, das Stolpern zu beflügeln statt austreiben zu wollen. Pipilotti Rist spricht gern von der «Milde» gegen menschliche Halbfertigkeiten – und geht doch nicht auf Schmusekurs zu all dem Schlamassel. Eher auf Verführungstour: Umwerben, was mich kaputtmachen will, nicht bekämpfen. So entübeln wir erfolgreicher. Zähmen, was uns angurkt, nicht beherrschen wollen. «Schwerkraft, sei meine Freundin» hiess der Titel der Ausstellung in Stockholm. Gerade der Feind gehört in ein erotisches Verhältnis verwickelt. Natürlich macht dieser kleine Streich die Welt nicht zu einem besseren Ort, trotzdem handelt es sich um eine Mini-Revolution gegen die Zumutung eines niederdrückenden Biederlebens. Ja, es könnte auch ganz anders sein! Und ja, das gilt auch für dein Leben! Fang einfach an, wenigstens zu versuchen, mit der Schwerkraft abzutanzen!

Es ist Spiel, aber auch höchster Ernst

Ist das naiv? Sicher. Und doch gibt es in dynamischen Zeiten vielleicht nichts Nützlicheres als die scheinbar nutzlose Kunst. Direkt bringt sie keine Dienstleistung, eine Lebensleistung schon. Die Leistung, uns neue Spielformen zu entdecken – reichere, intensivere, raffiniertere. Die Leistung, eingespielte Standards in die Möglichkeitsform zurückzunehmen. Meine Welt als Möglichkeit – das ist Spiel und höchster Ernst. Es ist der Geburtsort aller menschenmöglichen Autonomie, der Zentralnerv jeder inneren Freiheit. Und das Geheimnis jeder vitalen Gesellschaft – wider den Todfeind jeder Lebendigkeit: das Spiessertum mit seinen kompostierten Blickrichtungen.

Ludwig Hasler ist Kolumnist in Fachzeitschriften für Management und Kommunikation, Referent für Fragen der Zeit-Diagnostik. Sein jüngstes Buch: «Des Pudels Fell. Neue Verführung zum Denken».

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