Die Frage ist im Alltag meist ebenso schnell gestellt wie unbedacht beantwortet: Wie gehts? «Gut», heisst es dann routiniert, auch wenns vielleicht nicht so gut geht. Die Frage hörte man an den vergangenen zwei Tagen auch am Swiss Economic Forum in Interlaken immer wieder, wo sich mehr als tausend Vertreter aus der Schweizer Wirtschaft trafen. Es war nicht nur eine klassische Small-Talk-Frage, sondern es ging auch um die Erkundung der kollektiven Befindlichkeit in unserem Land.

Die Stimmungslage, so der Eindruck, war selten so uneinheitlich wie jetzt. Dass es den einen Unternehmen blendend und anderen gleichzeitig miserabel geht, ist normal, ja es ist ein Kennzeichen des Kapitalismus, der Fortschritt durch «schöpferische Zerstörung» (Schumpeter) bringt. Zurzeit aber scheint das Auseinanderdriften besonders ausgeprägt. «Die Spreu trennt sich vom Weizen»: So formulierte es Christoph Lindenmeyer, Vizepräsident des Industrieverbandes Swissmem und Verwaltungsratspräsident von Schindler sowie der Ammann-Gruppe, die diese Woche den Abbau von 130 Stellen in Langenthal BE bekannt gab.

Das Auseinanderdriften hat mit den zwei grossen Phänomenen unserer Zeit zu tun: der Globalisierung und der Digitalisierung. Dass beide gleichzeitig ablaufen, verändere die Gesellschaft so stark, wie wenn die Erfindung der Druckerpresse durch Gutenberg im 15. Jahrhundert und die industrielle Revolution im 18. und 19. Jahrhundert zur selben Zeit stattgefunden hätten, sagte in Interlaken der Historiker Timothy Garton Ash. Zwar begann die Globalisierung schon Ende der 1980erJahre, und das Internet gibts auch schon seit längerem. Doch erst mit dem Aufkommen des Smartphones – das iPhone feierte gerade seinen zehnten Geburtstag – brachen die Dämme.

Verlustangst überwiegt

Wie für jedes Land bringen die beiden Phänomene auch für die Schweizer Wirtschaft Chancen und Gefahren mit sich. Aber in wohlhabenden Gesellschaften wie der unsrigen überwiegt die Verlustangst, deshalb wirken die Globalisierung und die Digitalisierung zunächst einmal als Bedrohung. Wir haben uns über zwei, drei Generationen hinweg daran gewöhnt, dass es der nachfolgenden immer besser ging als der vorangehenden. Heute aber herrscht das Gefühl vor, dass es unseren Kindern dereinst vielleicht nicht mehr ganz so gut gehen könnte wie uns selbst.

Bundespräsidentin Doris Leuthard, die als Infrastrukturministerin amtet, aber eigentlich die heimliche Wirtschaftsministerin ist, betonte am Swiss Economic Forum zu Recht die Chancen von Globalisierung und Digitalisierung. Sie plädierte gegen wirtschaftliche Abschottung und Protektionismus à la Trump, weil die Schweiz als kleine Volkswirtschaft vom Export lebe. Und sie mahnte, die Schweiz müsse bei der Digitalisierung Fortschritte erzielen. In der Tat: Unser Land liegt zwar in den meisten internationalen Standort-Rankings ganz vorne, beim Kriterium Digitalisierung aber fällt sie zurück, beispielsweise hinter die skandinavischen Länder und Singapur. Hier sind allerdings nicht nur die Unternehmen gefordert, sondern auch der Staat: In der Schweiz gibt es im Internet rund 2000 verschiedene Behörden-Plattformen, die Betriebskosten von über 100 Millionen Franken pro Jahr verursachen. Das ginge ohne Zweifel einfacher, übersichtlicher, günstiger.

Alle haben die gleichen Wünsche

Fragte man am Swiss Economic Forum die Unternehmer, was die Politik tun solle, damit sie auch im Zeitalter von Globalisierung und Digitalisierung bestehen könnten, hörte man immer dieselben Wünsche. Niemand ist für eine staatliche Industriepolitik wie in Frankreich (wo sie vom neuen Präsidenten Emmanuel Macron nun infrage gestellt wird), niemand ruft nach Subventionen; und Forderungen, die Nationalbank solle die Frankenstärke noch aktiver bekämpfen, als sie es schon tut, sind verstummt. Fast alle befragten Unternehmer wünschen sich ganz einfach, dass ihnen der Staat das Leben nicht noch schwerer macht und idealerweise erleichtert. Die vom Bund verfügte Arbeitszeiterfassung in den Betrieben gehöre abgeschafft, ist eine der am häufigsten genannten Forderungen. Und kaum eine Branche klagt nicht über neu eingeführte Regulierungen, die administrative Aufwände und sonstige Kosten mit sich bringen.

Die grundsoliden KMU-Unternehmer liegen richtig. Ihre Forderungen nach Vereinfachungen und Deregulierungen sind nicht neu und auch nicht originell, aber berechtigt. Dass in Bundesbern trotz satten bürgerlichen Mehrheiten vieles in die gegenteilige Richtung läuft, bleibt ein Rätsel. Die enttäuschenden Wachstumszahlen des ersten Quartals 2017, welche die optimistischen Konjunkturprognosen Lügen straften, sind ein Warnsignal. Der Schweiz geht es noch immer gut, aber ihr Wohlstandsvorsprung – etwa auf Deutschland – schmilzt. Noch ist es nicht zu spät, Gegensteuer zu geben.