Wenn Jorge Mario Bergoglio heute Morgen um 10.10 Uhr in Genf-Cointrin aus dem Flugzeug steigt, wird ihn Bundespräsident Alain Berset auf Lateinisch Empfangen: «Salve, sancte Pater, exoptatus in Helvetia.» Das heisst so viel wie «Sei gegrüsst Heiliger Vater, willkommen in der Schweiz.» Dass der Bundespräsident für Papst Franziskus sein Latein hervorholt, signalisiert Höflichkeit und Respekt.

Gleichzeitig legt die Anrede in einer toten Sprache offen, wie aus der Zeit gefallen die Figur des Papstes eigentlich ist: Ein absolutistischer Monarch, der den Anspruch erhebt, Stellvertreter Christi auf Erden zu sein. Eigentlich, denn tatsächlich wird der Papst von Millionen Menschen verehrt und von weiteren Millionen wie ein Popstar gefeiert. Selbst linke Atheisten sind vom Papst verzückt. Warum ist das so? Das Geheimnis dahinter hat nur zum Teil mit geschicktem Marketing wie dem aktuellen Kinofilm von Wim Wenders zu tun.

Das Phänomen Franziskus geht auf die Sehnsucht nach strahlenden Figuren in düsteren Zeiten zurück. Während die europäischen Staatschefs diskutieren, wie man Europa gegen Asylsuchende abschottet, umarmt der Papst Flüchtlinge. Und während Politiker darüber nachdenken, wie soziale Sicherungsnetze abgebaut werden können, speist Franziskus bei den Armen. Gestern kritisierte er in einem Interview US-Behörden, die an der Grenze zu Mexiko Migrantenkinder von ihren Eltern trennen. Wer mag da noch mäkeln, dass der Papst über Frauen und Homosexuelle ähnlich denkt wie seine Vorgänger?

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