Das gibt es nur in der Schweiz: Wer alle Fussball- und Eishockeyspiele einer Saison live sehen will, braucht einen TV-Anschluss bei einem bestimmten Anbieter. Nur der Swisscom-TV-Kunde bekommt die volle Dröhnung. Denn über die Tochterfirma Teleclub, welche die Live-Übertragungsrechte hält, gewährt die Telekomriesin einzig den Besitzern von Swisscom-Anschlüssen Zugang zum vollständigen Programm. Wer seinen Fernsehanschluss woanders hat, der kann lediglich ein eingeschränktes Teleclub-Abo lösen. Anders gesagt: Während der Swisscom-Kunde den Match schaut, guckt der UPC-Kunde trotz Teleclub-Abo in die Röhre. Klingt kompliziert? Ist es auch. Und illegal, findet die Eidgenössische Wettbewerbskommission. Die Weko hat einen kräftigen Bodycheck ausgeteilt: 71,8 Millionen Franken Busse muss die Swisscom zahlen.

Der Irrtum von 2005

Zunächst einmal hat die Weko festgestellt, dass die Swisscom bei Live-Übertragungen marktbeherrschend ist. Das allein ist schon bemerkenswert, hatte die Weko im Jahr 2005, als Swisscom die Filmrechte-Vermarkterin Cinetrade inklusive deren Tochter Teleclub übernahm, noch gemeint, dass aus dem Zusammenschluss «weder im Pay-TV-Markt noch im Markt für die Beschaffung von Erstausstrahlungsrechten an Film- und Sportsendungen eine marktbeherrschende Stellung resultiere», wie die Nachrichtenagentur sda die Weko damals zitierte.

So kann man sich täuschen.

Missbrauch ist das Problem

Das allein ist für die Weko allerdings noch nicht problematisch. Ihr geht es darum, was die Swisscom mit dieser Stellung macht. Nach langjähriger Prüfung findet sie nun: «Swisscom hat diese Marktbeherrschung in mehrfacher Hinsicht missbraucht.» So habe der grösste Schweizer Telekomkonzern einigen Konkurrenten jegliches Angebot für die Ausstrahlung von Live-Sport auf deren Plattform verweigert und andern Konkurrenten wie etwa Cablecom (heute UPC) nur Zugang zu einem reduzierten Sportangebot gewährt — wie eingangs beschrieben.

Dass es überhaupt so weit kommen konnte, ist nicht – wie so oft bei der Swisscom – auf die frühere Monopolstellung zurückzuführen. Vielmehr auf den cleveren Entscheid vor rund zehn Jahren, Cinetrade zu kaufen und unter erheblichem Aufwand die hiesige Sportlandschaft aufzumischen. Damals erkannte die Swisscom als einzige, welchen Wert Live-Übertragungen von Fussball- und Eishockeyspielen einmal haben wird. Heute werden TV-, Internet- und Handyverträge häufig im Paket gekauft. Hat man als Anbieter das Live-Sport-Angebot exklusiv und kann — wie es die Swisscom macht — den Abschluss eines TV-Anschlusses sogar zur Bedingung für den Empfang der Sportübertragungen machen, ist dies ein kaum zu überschätzendes Verkaufsargument. Das wissen inzwischen auch die Kabelnetzbetreiber. Ihnen ist das Swisscom-Privileg schon länger ein Dorn im Auge — jetzt gehen sie aber erstmals offensiv zu Werke: Noch in diesem Sommer wird entschieden, wer ab der Saison 2017/18 die Live-TV-Rechte bekommt. Die Kabelnetzbetreiber um den grössten Anbieter UPC haben ein Angebot abgegeben. Nicolas Perrenoud, Chef des Betreibers Quickline, der bei der UPC-Offerte mit im Boot sitzt, bezeichnet gegenüber dieser Zeitung die Chancen als «sehr gut». Man habe ein «sehr interessantes und attraktives Angebot» vorgelegt und werde «mehr aus dem Kontent machen, als es die Swisscom in den vergangenen Jahren getan hat». Wie genau das aussehen soll, verriet Perrenoud nicht.

Konkurrenz reagiert skeptisch

Sicher ist: die Swisscom hat jetzt Konkurrenz. Durch das Weko-Urteil dürfte diese sich bestärkt fühlen — wenngleich man bei UPC, Quickline und Co. den Entscheid mit gemischten Gefühlen aufgenommen hat. Er sei zwar froh gewesen, dass die Weko im Verhalten der Swisscom einen Verstoss erkannt hat, sagt Nicolas Perrenoud. Ob sich dadurch etwas ändert, stehe jedoch auf einem anderen Blatt. Denn: «Die Weko büsst die Swisscom zwar, fordert aber nirgends konkrete Massnahmen, damit den anderen Anbietern per sofort ein diskriminierungsfreier Zugang zu den Sportübertragungen ermöglicht wird.»

Swisscom spielt auf Zeit

Swisscom selbst machte keinerlei Anstalten, die Busse zu akzeptieren. Im Gegenteil: Man wolle notfalls bis vor das Bundesgericht ziehen, schrieb das Unternehmen. Mit einer Dauer von fünf Jahren rechnet Perrenoud, bis der Fall entschieden ist. Mit Unverständnis reagiert der Quickline-Chef auch darauf, dass die Weko die Busse halbiert hat: Das Weko-Sekretariat hatte im Juli letzten Jahres 143 Millionen veranschlagt. Die Weko begründet dies mit mildernden Umständen — schliesslich habe die Swisscom den Markt, den sie heute auf unzulässige Weise dominiert, mit ihrem Engagement vor zehn Jahren erst selbst geschaffen.

So sehr die Swisscom-Konkurrenz die riesige Opportunität der Live-Übertragungen damals verschlafen hat, so berechtigt ist ihr Ärger heute über das «Gutschreiben» des frühen Engagements der Swisscom. Zweifellos war dies eine Pionierleistung. Dass die Swisscom diese jedoch noch heute als Argument heranzieht, wenn es darum geht, den Missbrauch ihrer marktbeherrschenden Stellung zu rechtfertigen, kann man kaum gelten lassen. Sie sollte aufhören, den Markt mit Verweisen auf früher zu blockieren und stattdessen anfangen, fair zu spielen.